Moralisch hehr, im Grundsatz fraglich: Der Angriff auf Iran senkt die kriegerische Hemmschwelle des Wertewestens immer weiter!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Trump verkündet Tod von Ajatollah Ali Chamenei – iranische Staatsmedien bestätigen“ (aus: WELT vom 01.03.2026)

Als die ersten Meldungen über die Nachrichtenticker kamen, waren die meisten Beobachter nicht sonderlich überrascht. Der Krieg gegen den Iran hatte sich angekündigt, seit Wochen zogen die USA Streitkräfte in der Region zusammen. Die Verhandlungen über das Atomprogramm waren festgefahren, die Drohungen von Präsident Trump hatten sich ausgeweitet. Obwohl es vermeintliche Fortschritte im Dialog gegeben hatte, noch gegen Mitternacht des 28. Februars 2026 aus Oman zuversichtliche Töne verlautbarten, brach die von Israel als „Roaring Lion“ bezeichnete Operation wenige Stunden los. Aufmerksamkeit erregte hierbei insbesondere die Begründung. Man habe mit einem „Präventivschlag“ begonnen, hieß es vom zuständigen Minister in Jerusalem. Nicht nur in den sozialen Medien keimte rasch die Debatte darüber auf, ob das Vorgehen mit dem Völkerrecht in Einklang zu bringen sei. Einigermaßen klar ist, dass keine unmittelbare Bedrohung durch das Mullah-Regime für die Außenwelt bestand. Insofern kann Artikel 51 der UN-Charta nicht ziehen.

Die Gefahr besteht nach Irak, Syrien und Libyen erneut darin, dass zu kurz gedacht wurde…

Denn die Entwicklung von Nuklearwaffen war nach derzeitigem Kenntnisstand nicht so weit fortgeschritten, dass hieraus eine direkte Gefahr hätte abgeleitet werden können. Präzedenzfälle in der Vergangenheit sprechen allerdings dafür, dass die Definition der entsprechenden Normierung schon längst aufgeweicht ist. Ohnehin fragt sich der pragmatische Mensch, was das Regelwerk noch wert scheint in Zeiten des Überfalls von Russland auf die Ukraine, bleibt die Aggression für die Verursacher in der Regel ohne Konsequenzen. Entschieden wird in der öffentlichen Wahrnehmung von allem moralisch, nicht entlang juristischer Feinheiten. Selbst arabische Staaten haben sich mit Widerrede zurückgehalten, weil Teheran nicht zuletzt durch den Terror gegen die eigene Bevölkerung bewiesen hat, welche Instabilität es dem gesamten Gefüge bringt. Und tatsächlich geht es wohl eher um die Befreiung eines Landes von der islamistischen Diktatur, an die sich wiederum andere Fragen knüpfen, die durchaus nachvollziehbar gestellt werden dürfen.

Denn was ist gut und böse, was ist richtig und falsch? Allzu oft bewerten wir aus der Sicht des Wertewestens, der sich nicht zum ersten Mal mit seiner sittlichen Überhöhung in die Angelegenheiten Dritter einmischt. Welche Interessen leiten im Hintergrund? Das Publikum ist bereits manch einer Lüge aufgesessen, ganz vorne mit dabei sind die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks. Und auch hinsichtlich der Behauptung, die Sicherheit unserer Nation würde am Hindukusch verteidigt, gibt es doch arge Zweifel ob der Konsistenz solch einer Ausflucht der Amerikaner damals. Machen wir uns also ehrlich, benennen wir die geopolitischen Faktoren, Ressourcen und Naturalien, Einfluss und Hegemonie, die in einer Weiterentwicklung des globalen Gefüges vor allem für die Vereinigten Staaten von vorrangiger Bedeutung sein dürften. Natürlich war der grausame Tod von zehntausenden Demonstranten, die sich gegen Unterdrückung, Bevormundung und Tyrannei wendeten, ein starkes Indiz, eine zweifelsohne akzeptable Legitimation, einzuschreiten.

Die Befreiung von der Theokratie steht dem US-Hegemonieanspruch gegenüber…

Allein das Gefühl sagt uns, dass in einer Güterabwägung zwischen der territorialen Integrität und der Unversehrtheit eines Volkes die Entscheidung leicht fallen muss. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass die Hemmschwelle immer weiter sinkt, ab welchem Zeitpunkt die Souveränität verletzt werden darf, um ein vermeintlich hehres Ziel durchzusetzen. Wegweisend ist hierbei auch der Einwand, ob die möglichen Risiken ausreichend bedacht und das gesamte Vorhaben bis zu Ende gesponnen wurde. Denn in vielen Fällen blieb nach der externen Intervention Chaos übrig. Man denke nur an Libyen, aber auch an das Auferstehen der Taliban. Ebenfalls in Syrien, im fernen Bagdad, überall dort entstand ein Vakuum, kehrte manch ein Gräuel härter zurück als zuvor. Auch jetzt ist die Zukunft wiederum ungewiss, sie liegt in den Händen der Bürger, der Sicherheitskräfte und der Armee, so unterstrich nicht zuletzt Netanjahu. Raketen und Bomben abwerfen, um ein Trümmerfeld zu hinterlassen, das mutet wie ein Küchenkampf an, ohne hinterher aufzuräumen.

Insofern bleibt abzuwarten, wie die Geschichte weitergeht. Ob am Ende der Untergang einer Theokratie zu einer freien Gesellschaft geführt hat. Mit dem verkündeten Tod von Ali Chamenei ist der Oberste Führer „ausgeschaltet“. Will man ein Revival der Monarchie, wie sehr entfernt man sich nach Jahrzehnten religiös-fanatischer Despotie vom Gottesstaat? Es gelten hierbei nicht unsere Maßstäbe, denn wir beurteilen schon allein aus der Sozialisation heraus den Wunsch nach Unabhängigkeit und Liberalität gänzlich anders als jene, die mit Totalitarismus allein aufgrund der Gewohnheit weniger Berührungsängste haben. Der Reiz zur Anmaßung, eine Gesinnung überstülpen zu wollen, die Perspektive aufzudrängen, die wir aus unserer Hemisphäre als die verständige betrachten, geht oftmals einher mit dem erhobenen Zeigefinger. Die Nebenwirkungen, ein System zum Kollaps gebracht zu haben, sind auch dann nicht zu unterschätzen, wenn wir uns damit vordergründig auf der korrekten Seite der Geschichte wähnen. Denn nahezu jede Lösung schafft neue Probleme.