Die AfD im Würgegriff des Iran-Krieges: Wie viel Mäßigung darf sein, wann droht die Abhängigkeit von Israel, Trump und dem Atomwaffennarrativ?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Politik-Vize Filipp Piatov: Die seltsame Iran-Allianz von AfD, Linken und Baerbock“ (aus: BILD-Zeitung vom 01.03.2026)

Es ist nicht unbedingt etwas Neues, dass sich die AfD in außenpolitischen Fragen uneinig ist. Während die Bundesspitze ein recht zurückhaltendes Statement zum Iran-Krieg abgab, nicht wirklich Fisch oder Fleisch, irgendwie manövriert durch das Völkerrecht, ohne anzuecken, wagten sich andere Vertreter mit deutlich zugespitzten Standpunkten nach vorne. Und wie es in derartigen Situationen üblich ist, eckten sie sofort an. In den eigenen Reihen offenbarten sich wiederum Lager, die einigermaßen diametral gegenüberstehen. Insgesamter Tenor ist der Ruf nach Deeskalation. Doch schon hierbei gibt es markante Nuancen. Verteidigungspolitiker der Partei, insbesondere auch Beatrix von Storch, begrüßten wenigstens indirekt das durch die USA angerichtete Chaos, sehen sie allein durch die Intervention von Washington und Jerusalem die Möglichkeit, das Mullah-Regime in seiner Gänze zu stürzen. Auch Markus Frohnmaier, der fachliche Sprecher, seines Zeichens Experte und Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, sendet klare Signale an Teheran, das er als instabilen Faktor der Region anprangert, um die Notwendigkeit zur Einflussnahme zu suggerieren.

Der Blick auf die Folgen des Krieges für Deutschland kommt in der AfD oftmals viel zu kurz…

Gänzlich andere Töne kommen beispielsweise vom Brandenburger Landtagsabgeordneten Dr. Dominik Kaufner. Er wirft Israel und den Vereinigten Staaten dezidiert einen illegitimen Angriff vor, der ausgerechnet im Zuge von Verhandlungen vom Zaun gebrochen wurde. Fadenscheinige Behauptungen über Atomwaffen, die bisher ohne konsistente Belege blieben, seien der Vorwand gewesen. Preisschocks und Flüchtlingswellen müssten befürchtet werden, die Konsequenz des Handelns bliebe unbedacht. Auch ethische Spannungen in der Bundesrepublik gehören zu den möglichen Kollateralschäden dessen, was mancher Repräsentant aus der Alternative für Deutschland gleichzeitig als richtige Sache wertet. Da fällt schon einmal der Vorwurf, einige Sympathisanten machten sich zum „Cheerleader“ von Donald Trump. Und tatsächlich könnte die Gemengelage kaum polarisierter sein. Ob man so weit gehen muss, Netanjahu „Staatsterrorismus“ vorzuwerfen, ist wiederum eine gänzlich andere Abwägung. Schließlich sind Extreme oftmals mit Übertreibung verbunden. Fakt bleibt jedoch, dass die Perspektiven einen kleinsten gemeinsamen Nenner nahezu unmöglich machen.

Wer für Zurückhaltung statt Chaos wirbt, ist nicht automatisch ein Verteidiger der Mullahs…

Und genau dieser Widerspruch könnte schaden, immerhin befinden wir uns mitten im Wahlkampf. Die AfD versucht, möglichst viele Sichtweisen unter einen Hut zu bringen. Doch wie lange lässt sich ein solcher Fundus zusammenhalten? Wann werden die Gegensätze zu groß? Und wird es gelingen, sich wenigstens auf die gemeinsame Linie zu verständigen, dass stets die deutschen Interessen im Vordergrund stehen müssen? Gerade im Osten ist das Thema von Aufrüstung und Frieden möglicherweise entscheidend für ein Kreuz an der Stimmurne. Da fühlen sich jene vor den Kopf gestoßen, die eigentlich Diplomatie wollen, aber eine gewisse Begeisterung für NATO und Militarisierung geliefert bekommen. Nicht nur Rüdiger Lucassen hat Björn Höcke brüskiert. Beide Charaktere stehen stellvertretend für die äußersten Zipfel des Meinungskorridors. Man will nicht gleich von Spaltung reden, aber der Bestand an Verbindendem scheint mittlerweile aufgebraucht. Wir sollten tatsächlich nicht naiv sein, in keine Richtung. Weder treu einer vermeintlichen Räson anhängen, noch dazu tendieren, voreilig die Stimme für das moralisch Umstrittene zu erheben.

Wird man sich auf den gemeinsamen Nenner verständigen, eigene Interessen zu wahren?

Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich die Wogen in der Alternative für Deutschland glätten werden. Es gibt keinen Grund für antisemitische Klänge, aber eben auch keinen Anlass dafür, die territoriale Souveränität und Integrität von Dritten beliebig zu torpedieren. Zweifelsohne stellt es sich als Herausforderung dar, in geschichtlich dramatischen Stunden den Fokus auf das Wesentliche für unsere Gesellschaft zu richten. Konkurrenten wie dem BSW gelingt dieser Schachzug deutlich besser. Dort hat man sich einer konsequent pazifistischen Haltung unterworfen, lässt sich auch nicht von der Gegenrede abbringen, man sei zu gutgläubig gegenüber dem Ayatollah gewesen. Die Einmischung des Westens, sie hat Europa kaum Vorzüge gebracht. Auf vielen Schlachtfeldern hinterließ das transatlantische Bündnis einen Scherbenhaufen, den die Bürger vor Ort zusammenkehren mussten. Der nachhaltige Blick für das angeblich Hehre, er fehlt. Weder in Afghanistan, noch im Irak, Syrien oder Libyen waren die Manöver zu Ende gedacht. Der Orient bleibt auch langfristig ein Pulverfass, mit oder ohne Offensive der selbsternannten „Allianz des Guten“.