Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Bündnis Sahra Wagenknecht in Baden-Württemberg: Auf Kriegsfuß mit den Umfragen“ (aus: „taz“ vom 04.03.2026)
Noch ist die Sache für das BSW nicht gänzlich entschieden. Ob die Partei in Baden-Württemberg in den Landtag einzieht, lässt sich bei Umfragewerten zwischen drei und fünf Prozent nur schwer abschätzen. Insgesamt kann das Bündnis von Sahra Wagenknecht von der allgemeinen Stimmungslage profitieren. Wirtschaftlich scheint der Südwesten zunehmend abgehängt, nicht nur die Automobilindustrie stottert, immer mehr Beschäftigte müssen um ihren Arbeitsplatz bangen. Der neu in die Tagesaktualität getretene Krieg gegen den Iran offenbart noch einmal, wie fragil der Frieden ist. Umso mehr können jene profitieren, die sich gegen Aufrüstung stemmen, auch mit Blick auf die Ukraine für Diplomatie und Verhandlung werben. Selbst wenn es kein spezifisches Thema für den Wahlkampf ist, so bestimmen außen- und geopolitische Sachverhalte die Abwägung stets mit. Zwar ist der Fokus auf das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und Grünen gerichtet, doch man sollte nicht vernachlässigen, welche Bedeutung die alternativen Kräfte in einer Atmosphäre haben, die die Gesellschaft polarisiert.
Das BSW profitiert von der Geschlossenheit bei Frieden, Gewaltlosigkeit und Diplomatie…
Und da ist eben nicht nur die AfD eine Option. Auch die Violett-Orangenen haben couragiert auf sich aufmerksam gemacht. Beispielsweise mit Blick auf die am Bodensee ansässige Rüstungsindustrie, die einen Bogen schlägt zum momentanen Eskalationsgebaren auf internationaler Ebene. Auch die unmittelbaren Auswirkungen der Krise am Persischen Golf auf die Energiepreise könnten noch einmal Dynamik in das Geschehen bringen. Der Souverän grenzt erfahrungsgemäß weniger ab, ob es allein um regionale Entscheidungen geht – oder inwieweit er auch ein Zeichen auf Bundesebene setzen kann. Paart man die Teuerung mit den wachsenden Abschlägen für den Mittelstand, für die hart arbeitende Bevölkerung, für den Angestellten und einfachen Bürger, dann ergibt sich eine frustrierende Ausgangslage, die auch das Kreuz auf dem Stimmzettel emotionalisieren kann. Weniger Milliardäre, dafür eine faire Rente für alle, ein erschwingliches Gesundheitswesen, Bildungs- und Leistungsgerechtigkeit, nicht aber eine alimentierende Gießkanne für Fluchtmigranten. So lautet das Credo einer Kraft voller Besonnenheit, ohne Allüren, aber mit Idealen.
Spitzenkandidat Tabler prangert Karrieristen, Krieg und Kostenexplosionen an…
Das BSW weiß durchaus zu differenzieren, hebt sich ab von einer ausschließlich progressiven Perspektive, sondern verbindet die Forderung nach einem funktionierenden Sozialsystem mit Vernunft, Recht und Ordnung. Statt ökologische Ideologieprojekte, einen ökonomischen Rohrkrepierer namens Transformation, der die Technologieoffenheit schmäht, Verbote bevorzugt und die Allgemeinheit gängelt, will man Nachhaltigkeit mit Bedacht. Die Daseinsvorsorge dürfe nicht weiter privatisiert werden, gleichzeitig brauche es ein restriktives Vorgehen an den Grenzen. Da werden Lösungsvorschläge der unterschiedlichen Lager miteinander verbunden, Spitzenkandidat Joachim Tabler betont darüber hinaus, man setze auf lebenserfahrene Repräsentanten aus der Mitte des Volkes, wolle keine Karrieristen in Amt und Würden heben, sondern mit den etablierten Kreisen hart ins Gericht gehen. Im Landkreis Konstanz bewirbt sich Daniel Niedzwetzki um ein Mandat. Der Kaufmann und Heilpraktiker fordert eine Nachbereitung der Grundrechtseinschränkungen während Corona, betont die Meinungsfreiheit.
Daniel Niedzwetzki will Corona aufarbeiten, Abrüstung forcieren und Demokratie stärken…
Den Tabubruch von Angela Merkel 2015 benennt er klar, sieht in ihm eine Form von Neokolonialismus. Man habe unseren Arbeitsmarkt dem Einsickern billiger Fachkräfte preisgegeben, statt an Fluchtursachen anzusetzen, Migration vor allem auf den Nutzen für unsere eigene Demografie zu beschränken. Die Überlastung der Kommunen führe zu Spannungen, die Schuldenlast erdrücke die Budgets von Städten und Gemeinden. Weil zu viel in Waffen investiert werde, fehle es an Mitteln für die Infrastruktur. Bürokratie nehme den Unternehmen den Handlungsspielraum, es brauche eine Digitalisierungsoffensive, vor allem weniger Regulierung. Für biologische Landwirtschaft setzt sich der 45-Jährige ein, aber auch für mehr Prävention im Gesundheitswesen. Brandmauern lehnt er ab, will die Basis stärker einbinden. Direktdemokratische Elemente liegen ihm am Herzen, seine Agenda fußt vor allem auf einem intakten Menschenverstand. Auf dem politischen Parkett benötige es Pioniere, die sich nach vorne wagten, auch wenn es stürmisch wird. Um die Ecke zu denken, davor schreckt er nicht zurück.
René Frey tritt für intakte Infrastruktur, ein bezahlbare Leben und niedrige Energiepreise an…
Ähnlich motiviert zeigt sich auch Kollege René Frey, der für den Wahlkreis Singen antritt, um im Hegau klassische Anliegen des BSW an Mann und Frau zu bringen. Als Zugbegleiter bekommt der jeden Tag mit, wie viel Nachholbedarf es bei der Schiene gibt. Vielerorts seien die Verkehrswege marode, es brauche bezahlbares Vorankommen, auch auf der Straße. Pazifismus prägt seine Persönlichkeit, er betont die Souveränität von Kiew, aber gleichzeitig die Unabdingbarkeit von Gesprächen mit Russland. Der Familienvater mit einem Hang zu Fußball und Reisen hält das Völkerrecht hoch, demaskiert nicht nur den Bundeskanzler ob seiner Heuchelei. Er ist auf antiinterventionistischer Linie, wenn es um den Hegemonialanspruch der USA geht. Seine Sorge gilt der Deindustrialisierung, dem Verlust von Standortattraktivität, dem Ruin der Betriebe. Am Hochrhein setzt er Akzente im Einsatz für sozialen Ausgleich, ökonomische Weitsicht und gesellschaftliche Partizipation. Eine durchaus solide Grundlage dafür, sich als ein „Entweder-oder“ in Position zu bringen. Gerade auch für den enttäuschten Linken.








