Als der Fernseher noch „Telefunken FE8“ hieß: FDP fliegt nach 74 Jahren aus dem Landtag – verdient und angemessen, aber viel zu spät…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Newsblog zur Wahl in Baden-Württemberg: Linke und FDP scheitern am Einzug in den Landtag“ (aus: „T-Online“ vom 08.03.2026)

Der größte Verlierer der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die FDP. Mit einem Wegbruch von 6,1 Prozent an Stimmten rutschte man unter die notwendige Hürde, verpasste den Wiedereinzug ins Parlament. Ausgerechnet dort, wo man verwurzelt war, sein Stammklientel sicher wusste. Erstmals seit 74 Jahren wird man das Plenum von außen betrachten müssen. Die Auswirkungen sind fundamental, die Klatsche hätte nicht größer ausfallen können. Das ist mehr als ein Schuss vor den Bug, man hat den Eisberg gerammt, wird zusehen müssen, wie das Schiff sinkt. Die Frage dürfte sein, ob man die Reparatur angeht, Kapitän und Mannschaft tauscht, den Motor wechselt. Oder lediglich das eindringende Wasser abzuschöpfen gedenkt. Schadensbegrenzung genügt eigentlich nicht, da müssen grundsätzliche Belange zur Sprache kommen, will man irgendwann wiederkehren aus der Bedeutungslosigkeit. Zuerst der Rauswurf in Berlin, jetzt auch noch der Abgesang in Stuttgart. Seit 2006 stürzte man vom damaligen Wert mit 10,7 Prozent ab. Nunmehr also der Paukenschlag, der durch Mark und Bein geht. Doch werden Dürr und Strack-Zimmermann den Brückenpfosten erkennen, wenn sie schon den Zaunpfahl übersahen?

Man wollte modern und jugendlich wirken, hat aber den Generationenwechsel verschlafen…

Auf Bundesebene hat man sich lächerlich gemacht mit kindlich anmutenden Videos in der digitalen Welt, wollte modern und jung wirken, mit Jugendsprech und coolen Bewegungen, begab sich auf ein peinliches Niveau herab. Längst hat man die Abwanderung eines nicht unerheblichen Potenzials in Richtung der AfD versäumt, klammerte beispielsweise das Thema Migration nahezu vollständig im Wahlkampf aus. Dass Parteichef Rülke im Südwesten die Konsequenzen zog, von seinem Amt zurücktrat, ist eine viel zu späte Entscheidung. Längst hätte er die Verantwortung übernehmen müssen für den katastrophalen Rückbau der Liberalen zwischen Bodensee und Neckar. Machtzentrierung warf man ihm vor, völlige Abnabelung von der Realität. Er wollte seinen Platz nie abgeben, nunmehr wird er aus dem Amt gefegt. Eine ehrliche Aufarbeitung wurde aus dem Hans-Dietrich-Genscher-Haus gefordert. Hierzu gehört sicherlich die kritische Auseinandersetzung mit dem Aspekt, warum man an der Lebenswirklichkeit der meisten Bürger vorbei agiert. Tatsächlich scheint die Abschottung der Stuttgarter Fraktion zu immens gewesen, hatte sie den Bezug zur Realität aufgrund verkrusteter, elitärer und hochmütiger Strukturen verloren.

Kaum etwas zur Migration, wenig in Sachen Bildung, fast keine Silbe über die Sicherheit…

Wieder einmal wird man als bloße Nischenkraft wahrgenommen, als lobbyistischer Vertreter von Firmen und Netzwerken, nicht aber als ein Anbieter für die breite Allgemeinheit. Selbst in der Kernkompetenz Wirtschaft vermochte man kaum zu überzeugen. Welch ein Armutszeugnis, wenn ausgerechnet die FDP bei diesem Thema den Staffelstab an die Grünen weitergeben muss. Da schwingt noch immer ein Hauch von „Mövenpick“-Affäre, von der Kontroverse um die „Schleckerfrauen“ mit. Der Westerwell’sche Vorwurf „spätrömischer Dekadenz“ kommt plötzlich wie ein Bumerang zurück. Wo sind die Antworten auf die steigende Kriminalität, welche weiteren Konzepte gibt es mit Blick auf Abwanderung, Standortmängel und Wettbewerbsdefizit abseits der üblichen Floskeln von Steuerentlastung und Entbürokratisierung? Innovative Ideen wären hilfreich gewesen, stattdessen setzt man seit Dekaden auf die immer gleichen Bierdeckel. Die Freiheitsthesen von 2014 sind außer aller Munde. Nicht umsonst hat man an die Neugründung von Frau Petry Funktionäre und Mitglieder abgeben müssen. Die Fliehkräfte sind enorm, die Bindungskonstanten hingegen brüchig. Da erodiert das Fundament, es fehlt der Wiedererkennungswert.

Verkrustet, stumpf und überholt: Der Machapparat des Dr. Rülke ist endgültig gescheitert!

Wieder einmal hat man es verpasst, sich zur sozialen Gerechtigkeit zu äußern. Hinsichtlich kaum nachlassender Flüchtlingsströme und prosperierender Illegalität ist es still geblieben. Hier hätte man eine Flanke schließen können, machte hingegen weitere auf. Denn auch bei Bildung und Jugend wirkte der Spitzenkandidat flach und unkundig, farblos und überfordert. In den unteren Alterskohorten wurde fast gar nicht mobilisiert, denn auch zu Energieversorgung oder Nachhaltigkeit blieb man durchdachte Visionen schuldig. Die Kritik am Verbrennerverbot allein ist kein Spezifikum. Marktökonomie mag etwas für Professoren sein, den Durchschnittsbürger spricht das hochtrabende Vokabular der FDP nicht an. Vieles war typisch, nur wenig kreativ. Wirklich fortschrittlich erschien eine mittlerweile abgeriebene Truppe nicht. Das Momentum wurde verpasst, einen Generationenwechsel einzuleiten. Stattdessen klebte man an Stühlen, jetzt muss man sie mit Gewalt räumen. Der Zenit war seit Epochen überschritten, das Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen. Es braucht Frische und Dynamik, Aufbruch und Signale, will man es bei nächster Gelegenheit reißen. Im Augenblick kehrt man Scherben.