Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „10. Kölner Forum für Journalismuskritik: Medienkonferenz über Journalismus im Umbruch“ (aus: „Deutschlandradio“ vom 14.04.2026)
Es gibt viel von diesem neumodischen Kram, oftmals beschönigt, abstrahiert oder umschrieben durch Anglizismen. Doch nicht alles sollten wir verteufeln, weil uns der Name nicht gefällt. Psychische Erkrankungen und seelische Leiden sind ohnehin verpönt, auch im 21. Jahrhundert. Betroffene werden häufig kaum ernst genommen, sie sollen sich „einfach nicht so anstellen“. Laut Wörterbuch ist das sogenannte Burnout ein „Zustand emotionaler, mentaler und körperlicher Erschöpfung, verursacht durch chronischen, meist berufsbedingten Stress, der nicht erfolgreich verarbeitet wurde. Es äußert sich durch ein Gefühl der Ausgebranntheit, verringerte Leistungsfähigkeit und zunehmende Distanzierung zur Arbeit“. Eine besonders prädestinierte Gruppe, die für solch ein Phänomen anfällig erscheint, ist nicht zuletzt jene der Journalisten. Ich bin weit davon entfernt, mir eine Diagnose zu stellen. Doch seit Jahren bin ich als Einzelkämpfer unterwegs, ringe täglich mit dem Parkinson, seit geraumer Zeit aber auch mit Algorithmen, Debattenkultur und dem Hamsterrad.
Die empfundene Hilflosigkeit, an den herrschenden Zuständen wenig ändern zu können…
Wie viele Menschen in diesem Land empfinde auch ich die sich täglich gleichenden Schlagzeilen aus der Politik mittlerweile als unerträglich. Und ich frage mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, all den Irrwitz zu kommentieren. Wissen wir nicht längst, was schiefläuft, wohin die Reise geht? Jede Nacht sitze ich vor dem Bildschirm, sukzessive fehlen mir Inspiration, Antrieb und Lust. Denn was will ich mit meinen Texten eigentlich bewirken? Sie werden nicht viel verändern. Denn ich bin ein kleiner Provinzschreiberling, ein winziger Arbeiter im Weinberg der Demokratie, der darum bemüht ist, dieser sogenannten „schweigenden Mehrheit“ eine Stimme zu geben. Dass sie sich wiederfindet in Worten, wo sie selbst vielleicht keine hat. Lohnt der Aufwand noch, stoße ich überhaupt auf Resonanz? Fragen über Fragen, gleichzeitig leeren sich meine Energiereserven genauso schnell wie der bundesdeutsche Kerosinbestand. Ich möchte nicht auf Teufel komm raus Artikel erzwingen, sie sollen mir leicht von der Hand gehen, von Überzeugung getragen sein.
Ein Journalismus der Tiefe und Analyse scheint die beste Zeit schon hinter sich zu haben…
Wenn ich nun öfter einmal ruhig bin, liegt das vor allem an dem „Wofür?“. Denn was ist die Presse heutzutage tatsächlich noch in der Lage, zu bewegen? Und erwartet man von ihr überhaupt, zu einem wirklichen Umbruch beizutragen? Mittlerweile erweist sich eine Menge dieser „Content Creator“ am Start. Schlichtweg Laien, die oftmals in einer äußerst aufgewiegelten Tonalität, in der Kürze von Schlagzeilen, in der Dramatisierung und Skandalisierung ihre Erfüllung gefunden haben. Es ist ein Manko, dass es weiterhin keine Pflicht zu einer grundlegenden Ausbildung gibt, will man sich in der Bundesrepublik einigermaßen professionell in der Öffentlichkeitsarbeit betätigen. Das größere Übel für jene, sie sich den publizistischen Grundsätzen noch verpflichtet fühlen, nach den dortigen Regeln agieren, bleibt die geringe Wertschätzung für Analyse und Tiefe. Möglicherweise sind jene Redakteure gänzlich überflüssig, die Hintergründe und Zusammenhänge liefern. Die dritte Gewalt wird als zahnlos wahrgenommen, weil nicht alle Kollegen gleichermaßen pöbeln.
Das traditionelle Berufsverständnis ist dank des Content Creating unter die Räder gekommen!
Wer seine Ideale hochhält, Vollgas gibt bei angezogener Handbremse, weil die Regulierung durch Künstliche Intelligenz und den Geist der Plattforminhaber ungehemmt voranschreitet, der fährt auf Verschleiß. Meine Räder sind abgewetzt, meine Seele lechzt nach Verwirklichung der ursprünglichen Werte, die ich noch immer wie eine Monstranz hochhalte, aber im Meer der Lautstärksten und Wortgewaltigsten längst untergegangen zu sein scheine. Bedarf es im Hier und Jetzt noch des Kritikers, der immer wieder neu den Finger in die Wunde der herrschenden Klasse legt, ohne dabei in völlige Polemik und schlichte Demagogie abzudriften? Oder will der Konsument eher unbehelligt bleiben, hat sich längst eine Meinung gebildet, möchte sich höchstens im gegenseitigen Bestätigen der gesellschaftlichen Ausweglosigkeit weiter aufputschen? Welchen Zweck verfolge ich noch, was könnte meine Rolle sein in einer Landschaft, in der die Aufmerksamkeitsspanne nachlässt, das Begreifen von Ausführlichkeit als Zumutung denn Persönlichkeitswachstum aufgefasst wird?








