Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Grüne liegen in Baden-Württemberg nur knapp hinter CDU – Weitere Umfrage bestätigt Trend“ (aus: WELT vom 27.02.2026)
Ist Baden-Württemberg naiv, lernresistent oder todesmutig? Nein, die neuesten Umfragen erlauben keine Pauschalisierung von Schwaben und Gelbfüßlern. Denn auch im Südwesten gibt es viele Menschen, denen die tatsächlichen Verhältnisse im Land bewusst sind. Gleichzeitig scheint es eine beträchtliche Zahl von Bürgern zu geben, die bei der kommenden Wahl neuerlich dazu bereit sind, den nunmehr seit 15 Jahren herrschenden Grünen ihre Stimme zu schenken. Obwohl wir uns im wirtschaftlichen Abschwung befinden, die Sicherheitslage in den Großstädten dramatisch ist, manchen Kommunen die Pleite droht, die Arbeitslosenzahl prosperiert, kann Cem Özdemir profitieren. Nicht unbedingt aus eigener Stärke heraus, sondern weil die Herausforderer blass bis unnahbar wirken. Manuel Hagel von der CDU ist nicht etwa in Verruf geraten, weil er vor acht Jahren am Stammtisch über eine Schülerin schwärmte. Sondern weil es ihm an Biss fehlt, an Konzept, an Führungsstärke. Er könnte ein guter Schwiegersohn sein, mit einer intakten Hornbrille und glänzend weißen Zähnen.
Özdemir profitiert nicht zuletzt von der Ideenlosigkeit von Merz‘ politischem Schwiegersohn…
Einen Sicherheitsrat will er einberufen, Wirtschaftsweise ernennen. Doch wir brauchen keinen Ministerpräsidenten, der die Verantwortung abschiebt, sondern das Heft des Handelns in die eigenen Hände nimmt. Dem Kanzler redet der Bankkaufmann nach dem Munde, will uns im Zweifel bis über 70 arbeiten lassen, schwenkt auf den Kurs ein, die sozialen Medien zu regulieren, bezichtigt die AfD des Vaterlandsverrats, obwohl er selbst jener Union angehört, die die Grenzöffnung und den Ansturm illegaler Migranten überhaupt erst möglich machte. Doppelmoral ist stets ein großes Manko, das man mit sich umherschleppt. Nein, der Fraktionsvorsitzende distanziert sich nicht etwa von Merkel, sondern er wäre ihr Kontinuum. Diese Perspektive scheint eine Zumutung zu sein. Doch würde es der frühere Bundesminister besser machen, der auf seinen Plakaten explizit darauf verzichtet, allzu offensichtlich mit der eigenen Partei zu werben? Rückenwind aus der Erfahrung bringt er mit, eine gewisse Routine, den Faktor „Sie kennen mich doch“. Möglicherweise genügt Bekanntheit heute schon, leider.
Weniger aus eigener Kraft, sondern dank des unglücklichen Spagats von Frohmaier…
Özdemir mag als der Konservative unter den Grünen daherkommen, ähnlich, wie der aktuelle Amtsinhaber Winfried Kretschmann. Doch beschreibt dieser Umstand bereits den etwaigen Erfolg, auf den letzten Metern die Christdemokraten zu überrunden? Noch vor ein paar Wochen hat man sich mit Markus Frohnmaier duelliert, um Platz zwei und drei. Dieser ist nun abgeschlagen, möglicherweise wegen der Affäre um potenzielle Vetternwirtschaft. Aber auch, weil der profilierte Außenpolitiker mit seinen Gedanken nicht immer in der Heimat präsent zu sein scheint. Man kann ihn sich nur schwer vorstellen an der Spitze, fehlt ihm das Charisma eines Ulrich Siegmunds. Ausstrahlung hatte im Triell des SWR niemand. Doch die Beliebtheitswerte sind keinesfalls erst seit gestern auf der Seite eines in Urach geborenen Deutschtürken. Er kann durch eine gewisse Prominenz punkten, scheint offenbar im Endspurt zu mobilisieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Aufholjagd gelingt. Im Angesicht der Defensive, des Lamentierens und des Schmallippigen eines Friedrich Merz 2.0 ein Stück weit nachvollziehbar.
„Wir haben schon immer so gewählt“: Die Bequemlichkeit wird uns zum Verhängnis werden…
Offenbar genügt es, Innovation mit Tradition verbinden zu wollen. Niemand möge sich beschweren, wenn unter Özdemir der Motor weiter stottert. Es sind nicht zuletzt die studentischen Hochburgen wie Konstanz oder Freiburg, die den Sitzplatz im Schlafwagen bereits gebucht haben. Dort scheint man nicht auf Veränderung aus, sondern auf Kontinuität der Stagnation. Wir sind Bequemlichkeitstiere, noch immer grassieren Brandmauer und Kontaktschuld. Zweifelsohne muss man attestieren, dass das Angebot nicht sonderlich attraktiv gewesen ist. Die Alternative für Deutschland hat auf ein Zugpferd gesetzt, das den Spagat zwischen Washington und Stuttgart versuchte. Nicht Fisch, nicht Fleisch, keine wirklichen Qualitäten als ein Landesvater, dem man wirklich abnimmt, sich gänzlich auf die Probleme vor Ort zu konzentrieren. Da wirkte der Grüne deutlich fokussierter, weniger aus inhaltlicher Überzeugung, sondern charakterlich verbindlicher. Die Portfolios aller drei waren schwach. So ist es ein Abwägen zwischen dem geringsten Übel, nicht aus Begeisterung oder Inbrunst.








