Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Interview mit Bijan Tavassoli: ‚Muss alles kritisieren können, sonst ist man kein Linker'“ (aus: „taz“ vom 14.08.2025)
Zahlreiche Menschen in Deutschland fragen sich aktuell, wie man die Verhältnisse dieser Republik in nüchternem Zustand überhaupt noch ertragen und ernst nehmen kann. Und tatsächlich sind wir in einer Epoche der Geschichte angelangt, die schon sehr viele gute Nerven braucht, um nicht gänzlich an den Missständen des Alltags zu verzweifeln. Eine mögliche Herangehensweise an diese Gegenwart ist es, mit ihr zu kokettieren. In brillanter wie exzellenter Art und Weise gelingt dies meinem geschätzten Journalistenkollegen Bijan Tavassoli. 15 Jahre lang gehörte er der Partei DIE LINKE an, engagierte sich im Hamburger Landesverband. Mit pointierter Satire und spitzfindiger Rhetorik verteidigt er heute die Ursprünge seiner Weltanschauung vor der Vereinnahmung durch die Wokeness. Seine wesentlichen Überzeugungen lassen sich dabei mit einem konsequenten Antiimperialismus, der strikten Ablehnung von NATO und transatlantischer Westprägung sowie der entschiedenen Rückweisung einer progressiv-modernistischen Identitätspolitik einigermaßen trefflich beschreiben.
Man findet gekonnte Politsatire in Zeiten parteiischer Vereinnahmung nur noch selten…
Er ist in den neuen Medien aktiv, hält den Genossen den Spiegel vor. Sympathien für das BSW sind bekannt, doch er scheut auch nicht das Gespräch mit der AfD. Manch eine missdeutete Äußerung wurde zum handfesten Skandal aufgeschaukelt, doch der IT-Sicherheitsberater ließ sich auch von Unterlegenheit bei Wahlen nicht von seinem authentischen Kurs abbringen. Unsere Gesellschaft braucht Charaktere wie ihn, der sich gegen Repression engagiert – ob sie sich nun an Friedensaktivisten oder Medienschaffende richtet. Die Kriegstreiber dieser Tage bezichtigt er der Demagogie, in seltenem Können zieht er den Zeitgeist ins Lächerliche und Absurde. Mit Witz und Charme bricht der Provokateur um der Meinungsfreiheit willen vermeintliche Tabus, entlarvt eine „Cancel Culture“, die das klassische Linkssein ins Abseits geführt hat. Der iranischstämmige Hanseat polarisiert ohne Zweifel, aber nicht mit dem Ziel der Spaltung. Sondern er nutzt die Dynamik der Realität, um Standpunkte und Positionen in einem astreinen Verständnis der Demokratie heraus zu kitzeln.
Zwischen Argwohn gegenüber der EU und einem antiimperialistischen Friedensgeist…
Der einstige Direktkandidat beherrscht eine Kunst des Humors, die Lust und Freude macht, sich mit unterschiedlichen Auffassungen auseinanderzusetzen. Besonders zu würdigen ist dabei seine überaus menschliche wie empathische Seite, seine Solidarität mit den Benachteiligten und Schwachen am Rand. Vorbildlich erweist sich ebenso die Erwartungshaltung, über die Lagergrenzen hinweg im Austausch zu bleiben. Ein Brückenbauer mit dem Hang zum Dynamischen, mit großen Vorbehalten gegenüber EU und Ursula von der Leyen. Seine Kritik an annullierten Abstimmungen in Rumänien und die Selbstzuschreibung als Exilant im George-Galloway-Stil paaren sich mit dem Vorwurf von Doppelmoral gegenüber Israel, das China über den Umgang mit Muslimen belehre, aber gleichzeitig Krieg gegen die Palästinenser vorantreibe. Der Zentralismus aus Brüssel habe koloniale Züge angenommen, er enteigne den einfachen Bürger, nehme ihm das Recht auf unbehelligte und offene Rede. Unser Kontinent stehe vor dem Verlust von Souveränität, das Privateigentum befinde sich auf der Kippe.
Wer regelmäßig mit der ideologischen Herkunft ringt, erweist sich als gesunder Selbstkritiker!
Er bejaht den Realkommunismus keinesfalls, verweist stattdessen auf seine Gefahren. Schon allein deshalb lässt er sich nicht in Schubladen stecken, will viel eher als ein Anwalt der Ausgegrenzten wahrgenommen werden. Tavassoli brennt für seine Prinzipien mit Leidenschaft, möchte Konservativismus und Sozialismus unter dem Dach der Vernunft in einen gerechten Einklang bringen. Seine harsche Absage an die Wehrpflicht geht mit Spott über den Transgenderismus einher, seine Zweifel am Kapitalismus bündelt er mit Häme für die etablierte Brandmauer. Den geschassten Anwärter für das Oberbürgermeisteramt in Ludwigshafen, Joachim Paul von der Alternative für Deutschland, verteidigte er kategorisch. Überwachung und Zensur nennt er beim Namen, fordert die Neuauszählung der Bundestagswahl wegen möglicher Versäumnisse zu Lasten von Sarah Wagenknecht. Der durch die Revolution in seiner Heimat geprägte Familienmensch ist ein fairer Spieler, der unkonventionell vorgeht, sich nicht in Schablonen pressen lässt und eine Bereicherung für den Diskurs darstellt.







