Quelle: Clipdealer.de, 2420762, erworbene Standardlizenz.

Eine ehrliche wie folgenreiche Bilanz nach drei Jahren X-Account: Ich habe von der Virtualität zu viel Tiefe, Analyse und Sinn erwartet…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Social Overload‘: Warum rauben uns soziale Kontakte Energie? Was tun, wenn die sozialen Batterien leer sind?“ (aus: FAZ vom 03.01.2026)

Am 6. Januar 2023 wagte ich einen Schritt, den ich mir eigentlich nie vorstellen konnte. In meinem Umfeld wurde angeregt, dass ich nach meinem gesundheitsbedingten Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben doch noch etwas aus meiner Gabe des Schreibens machen sollte. Mir wurde nahegelegt, mich in den sozialen Medien anzumelden. Stets hegte ich Argwohn, Skepsis und Bedenken, galt ich seit jeher als altmodisch, konservativ und rückwärtsgewandt. Schon in der Ausbildung pochte ich auf Manufaktur denn auf KI, Algorithmen waren für mich Hieroglyphen, „Posts“ der unkorrekte Plural eines Briefes. Was sollte also ausgerechnet ein Journalist mit der Liebe zum Tippen, mit der Leidenschaft zu Inhalt und Tiefe, mit Präferenz für Analyse und Länge, auf einem Kurznachrichtendienst wie Twitter erreichen wollen?

Ich ließ es auf einen Versuch ankommen, arbeitete mich langsam hinein in meinen Account. Drei Jahre später habe ich rund 27.000 Follower, eine solide Basis aufgebaut. Doch die Plattform ist nicht mehr das, was sie einmal war. Elon Musk hat mit der Übernahme versprochen, dass der Vogel nun frei ist. Und tatsächlich habe ich Veränderung gespürt, allerdings nicht nur zum Guten. Mehr denn je belohnt das System Viralität und Emotionalität, Kürze statt Würze, Memes anstelle von Text. Video und Audio lagen mir nie, dennoch versuchte ich mich daran. Grafiken zu erstellen, ist eher ein Übel, um zumindest zeitweise in die Timelines meiner Unterstützer zurückzukehren. Denn die Reichweite ist massiv geschrumpft, meine Sichtbarkeit wurde in Grund und Boden gedrosselt, tauge ich eben nicht zum Influencer.

Mit Idealismus gewinnt man in Social Media keinen Blumentopf, höchstens Shitstorms…

Was habe ich mich mit Artikeln und Porträts bemüht, mein demokratisches Verständnis von Chancengleichheit der Parteien zu verwirklichen. Geblieben ist die Ignoranz derjenigen, welchen ich mich wohlwollend widmete. Mehr als 1.400 ausformulierte Beiträge, zahlreiche davon zu AfD, BSW und „Team Freiheit“, forderten mir nächtliche Konzentration ab. Doch trotz zunehmender Einschränkungen durch den Parkinson investierte ich Mühe und Zeit mit Leidenschaft. Aber mit der Zeit offenbarte sich ein Problem, das ich von mir bereits kannte. Ich war stets zu gutmütig unterwegs, habe bereits zwei Dekaden Ehrenamt hinter mir. Schaffen für umme, aus Idealismus und in Hingabe, das waren seit jeher meine Markenzeichen. Und ich kam wieder nicht von ihnen los, weil ich mich so schlecht verbiegen und anpassen lasse.

Meine hehren Absichten haben dort keinen Platz, wo es längst nicht mehr um einen fairen Wettbewerb der Qualität geht, sondern ausschließlich um die Konkurrenz zwischen der lautesten Parole und dem einfachsten Geplänkel. Die Nachfrage regelt das Angebot, ich will kein Vollgas mehr geben, wenn ein Multimilliardär und die Europäische Union die Handbremse angezogen haben. Volle Kraft voraus für die Alternative für Deutschland, Knüppel zwischen die Beine für unabhängige Publizisten. Große Medienhäuser werden gepusht, Spitzenkandidaten für Sachsen-Anhalt mit Likes überhäuft. Doch ich kann noch so lange über Ungerechtigkeit klagen, an diesem Schiefstand werde ich nichts ändern. Die einzig denkbare Reaktion, sie scheint entweder das Aufreiben aus purem Trotz. Oder die Reißleine zugunsten von Gesundheit und Seelenhygiene.

Ein neuer Lebensabschnitt nach dem Eingeständnis, dass ich nicht „viral“ genug bin…

Über die zurückliegenden Feiertage kam ich zu dem Entschluss, einen Mechanismus nicht weiter fördern zu wollen, für den ich augenscheinlich einen Fremdkörper darstelle. Ich wurde geboren, um der Nuancierung und Differenziertheit willen, Kritik zu üben in alle Richtungen. Da passe ich nicht in eine Bubble oder Echokammer, die von mir Linientreue abverlangt. Ich möchte keinen Applaus auf Kommando, sondern eine ehrliche Diskussion, auch um den Heilsbringer der Alternative für Deutschland. Wo das nicht mehr möglich ist, ohne sich eines Shitstorms sicher sein zu müssen, da bleibe ich schlichtweg fehl am Platz. Man mag mir zu viel Sensibilität vorwerfen, zu viel Empfindung. Doch das heutige Klima der Polarisierung ist fern von einer argumentativen Auseinandersetzung in Sache und Inhalt.

Man kann nur von einem Fettnäpfchen ins nächste treten, wird es ohnehin nie allen recht machen. Wo Haltung im Sinne von absoluter und uneingeschränkter Loyalität erwartet wird, da sollte Aktivisten, Fanboys und Fürsprechern der Vorrang gelassen werden. Ich war selten Marktschreier, sondern habe mich ganz bewusst auf die Seite des ständigen Zweiflers geschlagen. Wo diese Tugend „out of style“ ist, will ich nicht gegen Windräder angehen, sondern eine ohnehin begrenzte Lebenszeit jenen Tätigkeiten widmen, die echte und authentische Resonanz erzeugen. Mein Blog wird zu jener Wiese werden, auf der ich mich ohne Regulierung und Zensur austoben kann. Da muss ich keinen Herzchen hinterherjagen, sondern kann mich darauf verlassen, dass ich so genommen werde, wie ich bin. Ab heute also Sparflamme auf X.