Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Papst sieht in Qualitätsjournalismus ein Gegenmittel zur KI: ‚Digitale Alphabetisierung'“ (aus: „Domradio.de“ vom 25.01.2026)
Jüngst ermutigte der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, auf der Plattform X dazu, nicht länger Fernsehen und Zeitungen zu glauben, sondern in den sozialen Medien nach der Wahrheit zu suchen. Er ist nicht der einzige Vertreter, der aktuell eine Art von Jedermannspresse fordert. Und zweifelsohne hat es gute Gründe, dass beispielsweise die Bezeichnung „Journalist“ in Deutschland rechtlich ungeschützt ist. Gleichzeitig bedeutet diese Toleranz gegenüber einem gewissen Label keinesfalls, dass mit dem Titel Schindluder getrieben werden kann. Insbesondere das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb sieht vor, dass dessen Verwendung nicht über fehlende Qualifikation und Standards hinwegtäuschen darf. Dies gilt insbesondere dann, wenn mit dem Führen eines bestimmten Prädikats ein finanzieller Vorteil erwirkt werden soll. Ganz prinzipiell gilt jedoch, dass jede Form des Betruges, die auch nur darauf gerichtet sein mag, durch eine Profession Vertrauen in Qualität erwecken zu wollen, gegen Gesetze verstoßen kann. Zwar unterstreicht die Verfassung mit Artikel 5 die nötige Niederschwelligkeit des Zugangs zu Berufszweigen, die mit Öffentlichkeitsarbeit, Kreativität und Meinungsbildung zu tun haben. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Wo breite Spielräume gelten, Regulierung als alleiniger Eingriff gesehen wird, ist immer auch Platz für Missbrauch.
Medien ohne Regeln und Prinzip: Der Aufmerksamkeitsmarkt ist billig, aber auch gut?
In einer Phase der Geschichte, die verständlicherweise große Zweifel daran erweckt, wie autonom unsere Branche noch ist, wenn ARD und ZDF keinen Hehl daraus machen, wie einseitig Redaktionen unterwegs sein können, wenn es um die politische Ausrichtung und persönliche Voreingenommenheit geht, darf es nicht verwundern, dass es zu Pauschalisierungen kommt. Trotzdem sind sie stets ungerecht, denn da werden auch jene Kollegen über einen Kamm geschoren, die sich der Einhaltung publizistischer Grundsätze verschrieben haben. Man wird an der Realität nicht vorbeikommen, dass Analyse und Tiefe insbesondere bei der jungen Alterskohorte an Bedeutung verlieren. Da spielt es weniger eine Rolle, woher Informationen stammen. Sie müssen prägnant und kurz sein, triggern und polarisieren. Ohnehin ist die Wirklichkeit einigermaßen volatil. Denn wer bestimmt schon, was richtig und falsch ist. Doch die Vorstellung, in einer Umgebung, die von Algorithmen gesteuert wird, von Likes und Herzchen, seien Sorgfaltspflicht und Unschuldsvermutung, Transparenz und Nachprüfbarkeit, Achtung von Persönlichkeitsrechten und Ehre, Kennzeichnung von Quellen und Herkunft, Objektivität und Ausgewogenheit, um nur einige Prinzipien eines integren Journalismus zu nennen, oberste Prämisse und die Regel, ist am Ende ziemlich arglos und naiv.
Zweiklasseninformation: Vertrauen in Tiefe vs. Zufriedensein mit der Oberfläche…
Wer nie mit dem Pressekodex Berührung fand, weil er zu Rang und Namen allein dank des Aufmerksamkeitsmarktes, aber nicht durch eine geregelte Ausbildung kam, der wird zwar problemlos Zeugnis ablegen und kommentieren können. Aber er ist im Zweifel nicht vor Instrumentalisierung gefeit, fehlt das grundlegende Verständnis von Zweck und Sinn. Denn wie schnell wird man in Echokammern und Filterblasen zum Sprachrohr, das lediglich Narrative bestärkt, Parolen wiederholt, Behauptungen verbreitet. Ohne Verifizierung, möglicherweise aber kommerzialisiert, ideologisch gebunden, anspruchslos, bei Bedarf auch kritische Fragen zu stellen, zählen Reichweite mehr als Nachprüfbarkeit, Authentizität und Differenzierung. Mit dem Totschlagargument, „die meisten“ Medienleute seien heutzutage „linke Aktivisten“, wie ich es aktuell auf dem Account eines Landtagsabgeordneten der Alternative für Deutschland las, kann man den Weg frei machen für eine Lizenz, subjektive, wohlgesonnene und tendenziöse Perspektiven zur Realität zu erklären. Wir befinden uns auf dem Weg in eine Zweiklassengesellschaft, wenn es um die Frage nach Information geht. Die eine Hälfte setzt auf Zugehörigkeit, beschafft sich die Sichtweise dort, wo man so denkt, „wie ich es erwarte“. Die andere baut weiterhin auf Skepsis, Nachhaken und Widerspruch als das demokratische Salz in der Suppe.
Wo die Hürden für Titel gering sind, sollte der Anspruch an Qualität umso höher ausfallen…
Es ist für jene, die um Fairness, Unabhängigkeit und Überparteilichkeit bemüht sind, ein echter Rückschlag, sollte sich eine von Engagement, Emotionalität und Engstirnigkeit getragene Überzeugung dessen durchsetzen, was journalistisch wertvoll und verlässlich erscheinen lässt. Selbstredend bleibt es uns allen unbenommen, „Influencer“ und „Content Creator“ zum Maß der Dinge zu machen. Gleichsam sollte stets die Intention klar sein, mit der sie an den Start gehen. Wollen sie tatsächlich Lücken schließen, jene unangenehmen Fakten ans Tageslicht holen, die ansonsten verschwiegen werden? Oder liefern sie uns einen Schönwetterbericht im Sinne jener, denen sie sich weltanschaulich verschrieben haben? Siegmund bemängelte kürzlich, „die Lügenpresse“ wolle seine Vision 2026 torpedieren, Ministerpräsident zu werden. Genau hier liegt das Problem. Falsche Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten, der gleitende Übergang zum Gefälligkeitsjournalismus, sei er nur moralisch, wären nicht mehr fern, würden wir von Zwischenrufen absehen. Wo Störfeuer unerwünscht sind, weil sie einen Erfolg gefährden könnten, da fühlt man sich erinnert an die „schärfste Waffe der Partei“, als welche die Presse in der DDR galt. Ich habe meinen Job weder gewählt, um Sprungbrett zu sein. Noch, um jemanden zu „pushen“. Sondern im Geist, gerecht, aber wo nötig, auch unbequem zu bleiben.







