Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Iran droht mit erneuter Schließung der Straße von Hormus – Handelsschiffe kehren um“ (aus: „Süddeutsche Zeitung“ vom 18.04.2026)
Lassen wir uns schon wieder in einen Konflikt hineinziehen? Friedrich Merz hat am 17. April 2026 auf der internationalen Konferenz in Berlin eine deutsche Beteiligung an der möglichen Militärmission in der Straße von Hormus angekündigt. Er stellte diese Zusage allerdings unter strenge Bedingungen. Tüchtigkeit und Treiberei, diese Prädikate hängen dem Regierungschef nicht ohne Grund an. Man mag seine Entscheidung zwar weniger als vollständigen Schwenk begreifen, sondern als eine Konkretisierung der bisherigen Linie, die der Kanzler seit jeher außenpolitisch vertritt. Er möchte die Bundesrepublik international in Verantwortung sehen. Dennoch schreckt der 70-Jährige dabei auch nicht vor dem Vorwurf zurück, erneut in einen Krieg involviert zu werden, den Dritte angezettelt haben, um ihre Partner den angerichteten Scherbenhaufen aufräumen zu lassen. Denn die USA und Israel sind mit einem sogenannten „Präventivschlag“ gegen den Iran vorgeprescht. Hinterlassen haben sie vor allem Chaos und Verunsicherung, völlig abseits der nur bedingt geschwächt wirkenden Mullahs, des bis heute nicht erfolgten Umsturzes eines Regimes, der ausgebliebenen Befreiung eines Volkes von der Theokratie. Immer wieder wird von Erfolgen berichtet, doch der Ajatollah scheint auferstanden zu sein, wenigstens in seinem Sohn.
Wir sollen wieder einmal die Zeche dafür zahlen, dass die USA vorgeprescht sind…
Insbesondere die Energieversorgung ist weltweit unter Druck geraten, hierzulande erreichen die Spritpreise immer neue Höchststände, das Kerosin für Flugzeuge könnte in ein paar Wochen knapp werden. Tempolimits wurden ebenso diskutiert wie Homeoffice. Die Auswirkungen auf Alltag, Betriebe und Geldbeutel sind gravierend. Und all das nur, weil sich eine Erzählung auftut, die wir in der Vergangenheit schon einmal hörten. Massenvernichtungswaffen waren das Argument, um in den Irak einzumarschieren. Dieses Mal soll es die Gefahr einer Atombombe gewesen sein, welche den Angriff auf Teheran nötig machte. Doch wie weit man mit dem Nuklearprogramm tatsächlich war, darüber lässt sich von außen nur spekulieren. Wahrscheinlicher ist eher, dass es sich bei der Horrorgeschichte um einen klassischen Vorwand handelte, um die tatsächlichen Interessen zu kaschieren. Hegemoniales Bestreben, Ressourcen und Güter, eine Vormachtstellung im Sicherheitsgefüge des Nahen Ostens. All das ergibt Sinn. Die Handelswege durch den Golf wären nicht erschwert, hätte Donald Trump weniger gepoltert. Wir müssen ausbaden, was im Weißen Haus einigermaßen konzeptlos vorbereitet wurde. Wie der Elefant im Porzellanladen, so benimmt sich der amerikanische Präsident mittlerweile, zu unseren Lasten, auf unsere Kosten.
Die deutsche Hörigkeit gegenüber Washington ist 80 Jahre danach obsolet geworden…
Und weil wir stets nur westwärts dachten, scheinen wir ihm verpflichtet. Wenn er nicht weiterweiß, ruft er plötzlich jene Partner zur Verantwortung, die er eigentlich doch so sehr schmäht. Und zumindest Deutschland hört vorbildlich, sobald der große Bruder über dem Teich Erwartungen formuliert. Die Abhängigkeit im transatlantischen Bündnis hat schon viele Soldaten unter schwarz-rot-goldener Flagge das Leben gekostet. Wir löffeln die Suppe aus, die im Pentagon gekocht wurde. Versalzen im Geschmack, deutlich zu stark erhitzt. Doch das ist einem Gast egal, der bis heute eine merkwürdige Hörigkeit offenbart. Wohl noch immer dankbar für den Einsatz der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, für das Lösen aus der Geißelung der Nationalsozialisten, kann man keinen Wunsch ausschlagen, hat sich ein wenig strukturiert erscheinender Narzisst in Mar-A-Lago etwas in den Kopf gesetzt. Angefeuert von Jerusalem, süchtig nach Stärkedemonstration. Wir servieren das, was bestellt wurde. Frau Müller und Herr Maier zahlen die Zeche, müssen büßen für die Leichtfertigkeit, wenn ein Multimilliardär fünf Schritte nach vorne geht, sich dann aber nicht mehr zuständig erachtet für den Schaden, der insbesondere wirtschaftlich angerichtet ist. Selten zuvor war die Krise so brisant, befinden wir uns im Umbruch durch die Transformation.
Vollmundige Versprechen eines Kanzlers, der offenbar den Bundeswehrbestand nicht kennt…
Wir brauchen Öl aus der Region, schon jetzt ächzen Verbraucher wie Unternehmen unter Knappheit und Inflation. Wohl deshalb soll es nach einer Waffenruhe und der vorübergehenden Öffnung der Meerenge zusammen mit Frankreich, Großbritannien und Italien eine Post-Konflikt-Mission zur Sicherung der freien Schifffahrt geben. Zweck sind Minenräumung, Seeaufklärung und Routenschutz. Der Kanzler bietet hierfür Minenjagdbote und Taucher der Marine an, ein Versorgungs- und Begleitschiff sowie Luftraumüberwachung mit P-8-Poseidon-Flugzeugen. All dies steht unter dem Vorbehalt eines gemeinsamen Mandats, des Endes der Kampfhandlungen, eines Bundestagsbeschlusses und der Beteiligung der Vereinigten Staaten als Abschreckung. Es solle sich nicht um einen Kriegseinsatz handeln, sondern um eine Defensive. Nun lässt sich diesbezüglich sehr viel interpretieren und deuten. Der CDU-Mann ist für seine Euphemismen bekannt. Der zuständige Inspekteur, Jan Christian Kaack, warnte schon jetzt vor einer Überlastung der Bundeswehr, die an der Ostflanke, im Baltikum, im Mittelmeer und durch andere Verpflichtungen stark gefordert sei. Da spricht also nicht nur der Pazifismus im Osten gegen die Vollmundigkeit des prahlerischen Christdemokraten, sondern vor allem auch die Praxis.








