Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Die Debattenkultur zu journalistischen Beiträgen in den Sozialen Medien ist schlecht“ (aus: „Deutschlandfunk“ vom 08.04.2026)
„Wenn du fliegen willst, musst Du Dinge loslassen, die Dich runterziehen“, so formulierte es einst die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin, Toni Morrison. 2014 entschied ich mich, lange nach meiner Beraterausbildung, eine zweite Qualifikation anzutreten. Der Journalismus sollte es sein, den ich bis 2023 vor allem in der analogen Welt praktizierte. Dann wagte ich das Eintauchen ins Virtuelle, in ein Umfeld, von dem ich ehrlicherweise sagen muss, dass es mir stets fremd geblieben ist. Deshalb entschloss ich mich parallel, diesen vorliegenden Blog zu eröffnen, wo ich selbst Herr im Hause bin, ohne Regulierung und Intervention von außen.
Man war als Journalist schon immer Zielscheibe, aber nicht derart unter der Gürtellinie…
Man lernt, sich ein dickes Fell anzulegen. Denn in einer Gegenwart verständlicher Frustration mutiert man schnell zur Projektionsfläche, zum Prellbock für all das, was schiefläuft. Natürlich kann man nie allen gerecht werden. Doch ist es wirklich zu viel verlangt, dass wir gesittet miteinander umgehen? Was in der Moderne wichtig sein soll, darüber befindet nicht mehr der Schreiberling in den Redaktionsstuben der Nation. Sondern die Variablen, welche von manch einem Multimilliardär ins System eingegeben werden. Das Resultat all dieser Umstände sind Filterblasen und Stammesräume, Toxizität und Freund-Feind-Denken, als Ausdruck von Polarisierung.
Die Reaktionen auf meine gestrigen Posts haben es noch einmal bewiesen: Ich bin mittlerweile falsch dort. Nicht nur das Debattenklima ist über weite Teile kaputt gegangen, lässt harsche, beleidigende, persönliche und belehrende Antworten dominieren. Über die Reichweite klagen mittlerweile viele Nutzer. Es bleibt vor allem auch die Erfahrung, dass man als Einzelkämpfer und Provinzpublizist eigentlich überflüssig wurde. Politiker, Influencer, Content Creator und Podcaster füllen alle Lücken, die alternativen Nachrichtenportale decken die Kommentierung sämtlichen Tagesgeschehens ab. Deshalb waren Verluste in unserer Branche schon immer eingepreist.
Ganze Gesellschaftsteile haben den gesitteten Austausch divergierender Meinungen verlernt!
Mein Deutschlehrer sagte einst: „Riehle, das mit dem Schreiben wird nichts. Machen Sie lieber etwas mit Theologie“. Und vielleicht hat er recht gehabt. Über drei Jahre bin ich in den sozialen Medien aktiv gewesen, weil man mich überredet hatte, mein Verständnis der vierten Gewalt auch dort anzubieten, wo ich stets befürchtete, dass Tiefgang, Hintergrund und Analyse allenfalls in einer Nische auf Gegenliebe stoßen werden. Heute fordert die Nachfrage etwas gänzlich Anderes. Dieser Erwartung von Emotionalität und Viralität kann und möchte ich nicht gerecht werden, denn dann wäre ich nicht mehr ich, dieser konservative Hüter vergänglicher Tugenden.
Mein Anliegen war Authentizität, Konstruktivität und Objektivität. Ich beanspruche einen Stil, der sich überdauert hat. Es gab auch schon früher die in einer Demokratie notwendige Kritik und Gegenrede. Doch niemand hätte sich getraut, teilweise derart vernichtend, haarspalterisch und altklug aufzutreten, sich in Tonalität und Wortwahl so sehr zu vergreifen, wie es heutzutage offenbar populär scheint. Es geht angesichts schwerwiegender Erkrankungen wie dem Parkinson um die Frage eines gesunden Verhältnisses zwischen Aufwand und Nutzen, zwischen Mühe und Resonanz. Und ich ich komme zu dem Beschluss: Es besteht nicht länger.
Das Konsumverhalten hat sich parallel zur Aufmerksamkeitsspanne weiterentwickelt…
Ich kann aktuell keinen wirklichen Mehrwert meiner Präsenz auf X erkennen. Die Sinnhaftigkeit muss ich auch deshalb in Zweifel ziehen, weil nun einmal der Algorithmus als ein Gradmesser für das Bedürfnis an Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit eine deutliche Sprache spricht. Es geht nicht um die Definition über Likes, aber um ein ganz menschliches Verlangen nach einer gewissen Wertschätzung für stundenlange nächtliche Arbeit, die laut Statistiken auf ein Minimum sinkt. Es gibt auf dem früheren Twitter keine Plätze, die beim Abgang eines Protagonisten nicht sofort neu eingenommen werden könnten. Die Szene ist volatil.
Es ist insofern weder Beinbruch noch Makel, sich in eine seit 2019 bestehende Erwerbsunfähigkeit zurückzuziehen. Ich werde mir in den nächsten Tagen und Wochen Gedanken darüber machen, wie ich den Account weiterführe. Vielleicht mit einzelnen Beiträgen nach Lust und Laune, möglicherweise auch ohne jede Ambition, noch einmal professionell Presseakteur sein zu wollen. Gleiches gilt für meinen Blog. Ich möchte ihn zumindest als Archiv bestehen lassen. Ihn unregelmäßig und ganz ohne Druck nur dann befüllen, wenn mich auch wirklich Motivation oder Überzeugung dazu treiben. Aus Selbstfürsorge und in der Verantwortung vor meiner Lebenslage.









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