Einfallslos, vorgeschoben, orchestriert: Wenigstens in der Begründung für ihren „eXit“ hätten sich Grünlinke Mühe geben können…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „SPD, Grüne und Linke kündigen gemeinsam ihre Parteipräsenz bei X auf“ (aus: DER SPIEGEL vom 04.05.2026)

Man nennt es wohl eine konzertierte Aktion, was sich da auf der Plattform X bot. Ziemlich zeitidentisch und buchstabengleich kündigten die Parteien SPD, Grüne und Linke an, sich aus dem sozialen Medium zurückzuziehen. Gleichsam gaben zahlreiche Politiker dieser Couleur an, das ehemalige Twitter verlassen zu wollen. Als Grund hierfür wurde in erster Linie sogenannte „Desinformation“ vorgeschoben, es sei ein Chaos entstanden, seit Elon Musk das Ruder übernommen habe. Ein entsprechender Hashtag ging unmittelbar in die Vollen, klare wie derbe Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Um es vorwegzunehmen: Ich habe prinzipiell großes Verständnis für all jene, die ein sich sukzessiv verschlechterndes Debattenklima in der Virtualität anprangern. Denn ein solches nehme auch ich wahr. Zur Demokratie gehört Kritik und Gegenrede, sie sind ihr in die DNA geschrieben. Es ist peinlich und desaströs, wer vor der Meinungsvielfalt kapituliert. Ein gesellschaftlicher Missstand ergibt sich allerdings aus prosperierender Gehässigkeit, fortwährender Belehrung, waschechter Beleidigung und rhetorischen Tiefschlägen. Sie gehen nicht selten unter die Gürtellinie, sind in erster Linie Ausdruck von Argumentationslosigkeit. Solche Auswüchse verteidige ich ausdrücklich nicht, denn sie sind genauso überflüssig wie dürftig.

Eine Erklärung, die das verrohte Debattenklima thematisiert, wäre authentischer gewesen…

Folgt man der Begründung der Genossen, so steht allerdings nicht der Tonfall oder die Semantik im Mittelpunkt der Erwägungen, warum man sich nun vor allem auf dem Konkurrenten „Bluesky“ tummelt. Offenbar hielt man die Wahrheit schwer aus, als man mit den Zuständen in der Republik konfrontiert wurde. Nur die eigene Realität als die richtige zu betrachten, erweist sich als Ausdruck von Projektion und Verdrängung. Meine Nachsicht wäre sicher gewesen, ginge es um die Destruktivität in zahlreichen Kommentaren, welche ich selbst unter meinen Beiträgen erlebe. Und über diese Verrohung sollte tatsächlich gesprochen werden. Nicht aber über die Frage, ob es Berliner Akteuren zumutbar ist, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Häufig präsentierte man einen äußerst subjektiven Ausschnitt der Wirklichkeit, man denke nur an die Beschönigung der mittelbaren Folgen von Massenmigration, Transformation und Rezession. Hier muss man sich gefallen lassen, wenn es zum Widerspruch, zum Nachhaken und zum Provozieren kommt. Die ideologische Arena ist kein Ponyhof. Dies gilt insbesondere dann, ist man für sich genommen wenig sparsam beim Umherwerfen von Wortgewalt und Killerphrasen. Wer nicht spurt, wird zum „Rechtsextremisten“, „Nazi“ und „Faschisten“.

Unter diesen durchsichtigen Umständen wirkt der Abgang eher wie eine Flucht nach hinten…

Übersensibel zu sein, aber gleichzeitig die Brandmauer zu bedienen, das passt nicht zusammen. Wer austeilt, muss einstecken. Da hilft der Kopf im Sand nur äußerst bedingt, denn er produziert automatisch den Anwurf von Wehleidigkeit und Theatralik. Wie mimosenhaft sind die Verantwortlichen der Gegenwart geworden. Friedrich Merz beklagt sich, dass kein Kanzler vor ihm so viel Feindseligkeit ertragen musste. Plumpe Beschimpfungen gehören ausdrücklich nicht zum legitimierten Repertoire der freien Rede. Wohl aber zugespitzte, geschliffene und pointierte Reflexion. Wer ihr ausweicht, bekennt sich zur Ideenarmut. Wo es an Konzepten mangelt, sucht man nach Ausreden. Dann wird die Diskussion auf eine moralische Ebene gehoben, denn von dort aus braucht es weder Inhalt noch Substanz. Der erhobene Zeigefinger reicht. Die Öffentlichkeit bedarf keiner Ermahnung, was sie sagen darf, worüber sie den Mund halten soll. Bedenklich ist die Entwicklung, dass sich auf X nunmehr ein ziemlich homogener und abgeschlossener Raum bildet, je weniger Bandbreite an Weltanschauungen repräsentiert wird. Daher feiere ich keinesfalls den Weggang von Protagonisten, denen die darlegende und erklärende Munition ausgegangen ist. Schließlich wächst dadurch die Filterblase.

Ja, wir sollten über den Umgang miteinander diskutieren, ohne vorgeschobene Ausreden…

Es ist allemal zulässig, eine gewisse Verletzlichkeit zu zeigen. Und der Tenor vieler Nutzer ist zweifelsohne von der Untermauerung und Rechtfertigung ihrer Sichtweise in den Angriff mit vulgären und subtilen Mitteln übergegangen. Dass sich in der Timeline eine gewisse Vormachtstellung der AfD, ihr nahestehender Influencer, Podcaster und Aktivisten etabliert hat, trägt zur Monotonie in der liberalen, pluralistischen Landschaft bei. Hier kann man von einer algorithmischen Steuerung ausgehen, die gewisse Prozesse befeuert und bestimmte Perspektiven unterdrückt. Dass nicht mehr zwingend die Qualität von Aussagen belohnt wird, sondern Emotionalität, Viralität und Popularität, ist ein ernüchternder Befund, den man wegzuwischen vermag. Doch es wäre genauso feige, über den Einfluss eines Multimilliardärs auf den Diskurs zu schweigen, wie es ebenfalls erbärmlich bleibt, in einer bühnenreifen Inszenierung die Opferrolle zu bedienen. Wenn jeder nur noch sein eigenes Süppchen kocht, weil er fürchtet, sich am Eintopf des Anderen zu verbrennen, wird alles lagerübergreifende Denken unmöglich. Und genau selbiges wäre gerade jetzt vonnöten, wo es statt immanenter Spaltung quer durch Köpfe und Republik den gemeinschaftlichen Zusammenhalt aller Bürger guten Willens benötigt.