Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Omas gibt es viele und Omas sind wichtig‘ – So war die Demo gegen Rassismus“ (aus: „Stuttgarter Zeitung“ vom 01.03.2026)
Je näher auch in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl rückt, desto härter werden die Bandagen, umso unschöner die Szenerien, umso größer die Heuchelei, mit der um die Rangfolge am Abstimmungssonntag gekämpft wird. Die sogenannten „Omas gegen rechts“ im Harz haben jüngst eine Petition gestartet, mit der sie die „demokratischen Parteien“ dazu aufrufen, sich zusammenzutun, um einen Erfolg der AfD zu verhindern. Es gehe um Vielfalt und Menschenwürde, so postulieren sie. Man fühlt sich stark erinnert an die 1980er-Jahre, als beispielsweise in Belgien eine informelle Vereinbarung zwischen den etablierten Kräften zustande kam, Koalitionen mit dem „Vlaams Belang“ auszuschließen. Auch in den Niederlanden und Schweden gab es ähnliche Sperrgürtel, in der Bundesrepublik hatte man sich gegenüber der NPD und den „Republikanern“ auf eine Blockbildung verständigt. In Frankreich ist es eine langjährige Praxis, dass linke, liberale und konservative Parteien taktisch zusammenarbeiten, um den Aufstieg des „Front National“ zu unterbinden. Dass derartige Manöver oftmals schiefgehen, das beweist ein Blick in die längere Historie, in der Ausnahmen plötzlich zu einer gewissen Regelhaftigkeit wurden.
Man fühlt sich nur stark im gemeinschaftlichen Niedermachen des Andersdenkenden…
In der Weimarer Republik wollte man die NSDAP isolieren, um sie von der Macht abzuhalten. Das Ergebnis ist bekannt. 1924 kam es in Thüringen zu der paradoxen Situation, dass Abgrenzung zum Tolerieren einer Minderheitsregierung durch die Nazis führte. Man könnte meinen, hier gehe es um Wehrhaftigkeit, um ein Verteidigen der verfassungsmäßigen Ordnung, um die Bekämpfung von Extremismus, wie man sie als Auftrag aus Artikel 21 GG ableitet. Wie wohlklingend auch die aktuelle Begründung der Senioren, eine Politik von „Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit“ garantieren zu wollen. Perspektivisch blieben die meisten Versuche der Absonderung jedoch ohne Erfolg. In Österreich ist man kläglich gescheitert, die FPÖ gilt als normaler denn je. In Italien wollte man Meloni verhindern, seit 2022 sitzt sie fest im Sattel. Befördert wird allein ein Opfermythos, der in der Konsequenz zu mehr Solidarität mit den Benachteiligten beiträgt. Das Manöver, Kontaktschuld in den Köpfen zu verankern, zieht ab dem Augenblick kaum noch, in dem der Bürger die wahren Absichten durchschaut. Es ist die Angst, den Zugang zu den durch Markus Söder definierten „Fleischtöpfen“ zu verlieren, welcher Motor allen Übels scheint.
Die Überhöhung auf die „richtige Seite“ muss die argumentative Leere der „Guten“ decken…
In Wirklichkeit verbirgt sich hinter dem hehren Ziel, die Nation, die Enttäuschten, die Unzufriedenen und die Verbitterten von „Radikalen“ zu entfesseln, eine schlichte Sorge um den Verlust von Macht und Einfluss, um das Abgeben von Pöstchen und Diäten. Wer den Wählerwillen missachtet, weil er eine bis heute nicht verbotene Partei und ihre Anhänger schmäht, abkanzelt, ausgrenzt und demütigt, wirft einen Bumerang aus, der irgendwann zurückkommt. Die Frustration derjenigen steigt, welche an den Pranger gestellt werden, sich durch eine Brandmauer in die Enge getrieben sehen. Die mediale Schikane gegenüber Ulrich Siegmund als Spitzenkandidat für die Neubesetzung des Parlaments in Magdeburg, die Kampagnen von NGOs, die Dramatisierung von Skandalen und Affären, vor allem aber die öffentlich sichtbare und demonstrativ offenbarte Polarisierung durch ein merkwürdiges Kartell von Union bis SED-Nachfolge schüren Ermüdung, Wut und Stagnation, bis das Fass zum Überlaufen kommt. Dann werden alle Bemühungen zum Rohrkrepierer, geht der Schuss nach hinten los. Die Umfragen deuten bereits an, welch lächerlichen Bärendienst man sich und seiner Tugend erweist.
Das Resultat von Isolation ist fast immer das gleiche: Aufwind für die Ausgegrenzten…
Die absolute Mehrheit der „Blauen“ ist zum Greifen nah, da werden auch Anwürfe der Vetternwirtschaft kaum mehr etwas ändern. Die persönliche und kollektive Motivation, sich zu den vermeintlich „Besseren“ zu überhöhen, tatsächlich zu glauben und zu suggerieren, man stehe auf der „richtigen“ Seite der Gegenwart, ist einem elitären Denken geschuldet, in welchem man sich zum Wächter über das angeblich „Gute“ erhebt. Die Dynamik basiert auf der sozialpsychologischen Theorie, die eigene Position zu idealisieren, um Selbstwert, Kohäsion und Potenz zu sichern. Ein sogenanntes Bias unterscheidet zwischen „denen“ und „uns“, ein Vorurteil zur gemeinschaftlichen Legitimierung, eine Lagerbildung aus Dogmatismus und dem Bedürfnis nach Einheit und Rechtfertigung, in Stilisierung und Identität, allerdings abseits wirklicher Moral, Ethik und Sitte. Die Asymmetrie in der Debatte entwickelt sich aus dem Trugbild, eine bestimmte Weltanschauung habe universell verbindlichen Charakter, was nicht zuletzt die Intoleranz gegenüber Differenzen ausprägt. Die Lüge und die Illusion, man sei als tonangebende Kraft gleichzeitig im Recht, kompensiert eine kognitive Dissonanz, die eigentlich nur bemitleidenswert ist.








