Bozens deutsch-ladinische Alternative: Wie die „Süd-Tiroler Freiheit“ als Pendant zur AfD auf die prozentuale Zweistelligkeit hinarbeitet!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Neues Gesetz erlassen: Süd-Tiroler Freiheit warnt vor Chinas Druck auf Minderheiten“ (aus: „Südtirol News“ vom 14.03.2026)

Viele Urlauber kennen die Region aus der Westentasche, doch politisch ist nicht viel bekannt über die Gegend zwischen Bruneck und Meran, Sterzing und Sankt Ulrich. Dabei hat kaum eine Landschaft in Europa so viel an Geschichte und Kultur, an Höhen und Tiefen, an Unruhe und Zerwürfnis zu bieten. Mit dem Vertrag von Saint-Germain-en-Laye 1919 wurde man vom Habsburgerreich Österreich-Ungarn getrennt und Italien zugesprochen, als Belohnung für die Siegermacht. Mit Brachialität setzte Mussolini ab 1922 die Angleichung an Rom durch. Spannungen waren genauso an der Tagesordnung wie offener Widerstand gegen die Umbenennung von Ortsnamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zementierte sich der Zustand durch das Pariser Friedensabkommen, zu Lasten vieler Bewohner. Familien wurden auseinandergerissen und dazu gedrängt, sich zu entscheiden, ob sie abwandern oder bleiben wollen. Ein Minderheitenschutz galt theoretisch als implementiert, doch damit waren die Wogen der Ernüchterung und Demütigung nicht geglättet.

Minderheitenrechte, Autonomie und Heimatschutz: Eine Partei setzt auf Patriotismus!

In den 1960ern keimte Separatismus auf, der Autonomiestatus wurde daraufhin zum Ende des Jahrzehnts erweitert. 1972 übergab die Zentralregierung wesentliche Kompetenzen in Sachen Bildung, Kultur, Wirtschaft, Gesundheit und Umwelt an die Selbstverwaltung. Bis heute ist der Status umstritten. Und der Einfluss derer scheint zu wachsen, die sich explizit darauf berufen, dass der momentane Zustand nur übergangsweise ist. Eine der prägenden Parteien, die sich weiterhin für die Eigenständigkeit einsetzt, ist die „Süd-Tiroler Freiheit“. Man schreibt sich ganz bewusst mit Bindestrich, bekennt sich in Richtung Innsbruck. Der Schutz von Muttersprache und Brauchtum steht ganz oben im Programm. Die Bewahrung als Heimat in der Hand der Bürger genießt Vorrang. Man will Maßnahmen gegen Ausländerkriminalität und Migrantengewalt durchsetzen, stellt sich vehement gegen die Vergabe von Sozialwohnungen an Flüchtlinge und Asylbewerber, will das Eigentum des kleinen Mannes sichern. Tradition sei unverhandelbar, die Wiederkennung genieße oberste Priorität.

Den Konservativen auf den Fersen: Die „Süd-Tiroler Freiheit“ als Pendant zur deutschen AfD!

Das Leben müsse leistbar bleiben, die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Dorn im Auge. Bereits ab 16 soll gewählt werden können, die Mitbestimmung des Nachwuchses fest verankert sein. Für eine ehrliche Aufarbeitung von Corona tritt man an, die STF plädiert zudem für den Erhalt von Umwelt, Verkehrswege und Infrastruktur, die demokratische Partizipation der deutsch-ladinischen Volksgruppe. In der derzeitigen Legislaturperiode ist man mit vier Abgeordneten im Landtag von Bozen vertreten. Man fungiert ungefähr als das, was in der Bundesrepublik die AfD darstellt. Eine Alternative zu den omnipräsenten Konservativen. In diesem Fall ist es die SVP, die dominiert, aber mit der Zeit ähnlich weichgespült wurde wie unsere CDU. Man hadert mit der heldenhaften Fixierung auf Meloni, steht für Patriotismus und Sezessionismus. Führender Kopf ist der Fraktionsvorsitzende Sven Knoll, weitere prominente Akteure sind Myriam Atz, Hannes Rabensteiner und Bernhard Zimmerhofer. Mit scharfzüngigen Reden fordert man das Plenum heraus, zeigt Kompetenz und Stärke.

Weg vom römischen Zentralismus, volle Kraft voraus für eine ehrliche Volksabstimmung!

Mannigfaltig präsent in den sozialen Medien, betont man die ethnische Identität, gibt sich deutlich weiter rechts als die Konkurrenz. Man fährt den vehementeren Kurs hinsichtlich der Zuwanderung, fordert plebiszitäre Verhältnisse und eine Abstimmung über die mögliche Wiedervereinigung mit dem Norden. Die STF ist weniger pragmatisch, sondern vor allem idealistisch. Sie positioniert sich außerhalb des Systems, verhält sich kritisch bei Kompromiss und Dialog. Gegenüber Brüssel und der EU will man eine härtere Gangart, prägt ein Selbstverständnis der jungen und kämpferischen Opposition. Die nächsten Regionalwahlen dürften 2028 stattfinden. Dann ist mit einem Ergebnis bis zu zehn Prozent zu rechnen. Die Chancen darauf stehen nicht zuletzt deshalb gut, weil vielerorts ein ähnlicher Verdruss herrscht wie bei uns im Osten. Das Potenzial für einen Aufbruch wächst fast stündlich, denn auch im paradiesischen Idyll zwischen Marmolata und Etsch ist längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Möge der Rückenwind aus all den Missständen zu Erfolgen verhelfen!