Von der Ganztagesschule zu Ganztagesproblemen: Lassen sich Lehrermangel, Mobbing, Sprachdefizite und Digitalengpass wirklich noch kompensieren?

Kommentar von Dennis Riehle zum Thema „CDU-Landeschef Peters warnt vor AfD-Plänen zur Abschaffung der Schulpflicht“ (aus: „Ostsee-Zeitung“ vom 27.05.2026)

Weiterhin ist die Diskussion über die Einführung einer Bildungspflicht in aller Munde. Nachdem die AfD in Sachsen-Anhalt diese Forderung zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Programms nach einer möglichen Regierungsübernahme im Herbst gemacht hat, steht die Frage im Raum, ob es tatsächlich ein Ende des verpflichtenden Besuchs an staatlichen Institutionen als Regelfall braucht, um anderen Wegen zum Ziel eines anerkannten Abschlusses mehr Gewicht zu geben. Beispielsweise durch das erleichterte und ebenbürtige Einbeziehen von privaten Einrichtungen oder das Ermöglichen von Heimunterricht. Doch genügen nicht auch Maßnahmen wie die Einführung der Ganztagesschule, um weiterhin rechtfertigen zu können, dass das bisherige System zwar unbedingt reformiert, aber keinesfalls aus Prinzip abgeschafft werden muss?

Das gemeinsame Lernen bringt nachweislich Erfolge in der Sozial- und Lesekompetenz…

Ich will durchaus Position beziehen für das Beibehalten des Bewährten. Die Fortentwicklung, hin zu einer Präsenz bis in den Nachmittag hinein, brachte bereits zahlreiche Erfolge mit sich. An 73 Prozent der Grundschulen wird sie praktiziert, insbesondere in Berlin, Sachsen und Hamburg. Eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes belegt zudem eine signifikante Verbesserung der Schulnoten, eine Steigerung der Schulfreude, eine Potenzierung des Lernverhaltens und eine Verringerung der Gefahr von Klassenwiederholungen. Auch eine DIW-Untersuchung aus 2022 hatte bereits die emotionale Reifung der Persönlichkeit hervorgehoben, die profitiert. Und selbst die Chancengerechtigkeit sowie der Zugang zu Kindern aus schwer erreichbaren Schichten legten demnach zu.

Und das alles im Rahmen der staatlichen Schulpflicht. Solange sie sich flexibel für Modernisierung zeigt, scheint sie nicht überholt zu sein. Der längere, strukturierte Aufenthalt am Ort der Gemeinschaft erweitert die integrative, schützende und fördernde Funktion, ohne, dass eine bloße Nachweispflicht über die Teilhabe an offen gestalteter Bildung den Zweck gleichwertig erfüllen könnte. Die Verlängerung auf den Ganztag als Verbleiben in einem gemeinsamen Lebensraum vom Unterricht über Pausen und Projekte bis hin zur Freizeit verstärkt das Toleranzdenken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aus diesem, zur Dialogfähigkeit ermutigenden Milieu würde der Nachwuchs herausgenommen, überließe man den Sorgeberechtigten die alleinige Abwägung darüber, ob Pauken und Büffeln nicht auch privat organisierbar sind.

Die Schulpflicht gewährt zumindest eine grundsätzliche Verlässlichkeit in festem Rahmen…

Nicht jede Mutter, nicht jeder Vater kann gewährleisten, dass ein Mindestmaß an Kenntnisvermittlung und ein frühzeitiges Erkennen von Defiziten bei häuslichen Lösungen oder in freier Trägerschaft garantiert bleiben. Karlsruhe hat unterstrichen, dass die schulische Laufbahn, welche über den reinen Wissenstransfer hinausgeht, schon allein deshalb in der Kontrolle des Staates liegen sollte, weil er Parallelgesellschaften zu verhindern und eine gleichwertige, professionelle und standardisierte Rhythmisierung von Pädagogik sicherzustellen weiß. All dies leitet sich wesentlich aus Art. 7 (Erziehungsauftrag) des Grundgesetzes ab, der Artikel 6 (Elternrecht) in nichts nachgestellt ist. Eine Dezentralisierung würde einerseits der Vereinbarkeit von Familie und Beruf widersprechen, andererseits der Sozioökonomie.

Durch eine zunehmende Digitalisierung, die Ausstattung mit hybriden und Online-Elementen in vielen öffentlichen Klassenzimmern, die beispielsweise durch einen Pakt sukzessive und zuverlässig finanziert werden, haben Vertiefung, Diskussion und Individualisierung zugenommen. Adaptive Software, KI-Tools und personalisierte Apps bilden an zahlreichen Stellen mittlerweile die Regel. Sie werden synchron eingesetzt zum Frontalunterricht, stärken die Medienkompetenz und die virtuelle Kooperation, sind allerdings zweifelsohne ausbaufähig. Das Problem liegt also nicht im System, sondern in seiner Vernachlässigung. Bekäme es mehr Aufmerksamkeit und Geld, würden wir auch in den PISA-Resultaten wieder nach vorne rutschen. Wenngleich nicht darüber wegzusehen ist, wie umfangreich die Herausforderungen sind.

Lehrermangel, Kriminalität und Sprachdefizite sind keine Kleinigkeiten, aber bewältigbar…

Bis 2035 dürften den staatlichen Schulen rund 49.000 Lehrkräfte fehlen, schon jetzt sind es bis zu 17.000, insbesondere in den Sekundarstufen und den naturwissenschaftlichen Fächern. In manchen Bundesländern fallen bis zu zehn Prozent der Stunden aus, bundesweit liegt die Unterrichtsversorgung bei 93 bis 94 Prozent. Hinzu kommt grassierende Kriminalität auf den Pausenhöfen, sie lässt sich nicht relativieren. Bis zu 29.000 Gewalttaten werden pro Jahr dort gemeldet, in 35 Prozent der Klassen wird von Mobbing berichtet. Physische und psychische Unterdrückung sind zum Alltagsphänomen geworden. Das Bildungsniveau wird nicht zuletzt durch den steigenden Anteil an Migranten gesenkt. Sie liegen in Mathematik bis zu 59, beim Lesen 67 Punkte zurück. Unter den Tatverdächtigen sind sie mit bis zu 30 Prozent deutlich überrepräsentiert.

Trotz allem lässt sich auch hier an den signifikanten Stellschrauben drehen, ohne die Gesamtkonzeption zwingend in Frage stellen zu müssen. Eine bessere Bezahlung für Quereinsteiger, weniger Verwaltung, flexible Arbeitsmodelle und Senkung der Teilzeitquote könnten die Engpässe bei den Pädagogen auffangen. Der Aufbau von multiprofessionellen Teams, mehr Sozialarbeiter und niederschwelliges Konfliktmanagement gehören ebenso zu einem zwingenden Maßnahmenpaket wie die Flexibilisierung von Lernmodulen. Ein rechtzeitiges Einbinden der Elternschaft, die enge Zusammenarbeit mit Jugendämtern und Polizei können Prävention erleichtern. Es braucht zudem klare Konsequenzen und Sanktionen bei Fehlverhalten, kleinere Klassen in Brennpunkten, mehr Autonomie für die Schulleitung und verbindliche Rahmenbedingungen, die legislativ abgesteckt sind.