Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Linke und BSW stellen Spitzenkandidaten für Mecklenburg-Vorpommern auf“ (aus: „ZEIT Online“ vom 14.03.2026)
Der Einzug ins Parlament war unrealistisch, doch 1,4 Prozent sind gleichzeitig eine massive Enttäuschung. Das Abschneiden des BSW bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist ein Schlag ins Kontor der noch jungen Bewegung, die ausdrücklich auch im Westen ankommen will. Doch der aktuelle Versuch ist krachend gescheitert, es keimen durchaus Zweifel auf, wie es nun weitergehen soll. Immerhin gibt man an verschiedenen Stellen ein zerstrittenes Bild ab. Da wirkte der Südwesten nahezu wie ein Idyll. Denn dort zog man an einem Strang, die Freiwilligen investierten viel Zeit und Mühe, um eine politische Kraft in die Aufmerksamkeit der Bürger zu rücken, welche eigentlich von zahlreichen Alleinstellungsmerkmalen profitieren könnte. Beispielsweise dem vehementen Kurs in Sachen Frieden und Diplomatie, einem Ausgleich zwischen sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Vernunft, einer pragmatischen Gangart mit Blick auf die Zuwanderung, einer klaren Ansage gegenüber Superreichen, dem strikten Bekenntnis zur Meinungsfreiheit. An Inhalten fehlt es also nicht, möglicherweise am Bekanntheitsgrad, vor allem aber an Einheit in der Breite.
Das große Potenzial liegt im urbanen Erstwähler, aber auch im abgeklärten Zuwanderer…
Thüringen wird zunehmend zur Belastung. Sahra Wagenknecht musste den Zeigefinger gegenüber den Mitstreitern in Erfurt erheben, nachdem der Vorwurf im Raum stand, die dortige Fraktion habe sich anders, als es im Programm festgelegt ist, der ehrlichen Aufarbeitung von Corona verschlossen. Landechefin Katja Wolf verteidigt das Auftreten in der Brombeer-Koalition, ist die Zusammenarbeit mit CDU und SPD nur deshalb eingegangen, weil man die AfD von der Macht fernhalten will. Doch genau jene Brandmauer sieht auch Fabio De Masi als gescheitert an. Nicht zuletzt deshalb scheint sich Frank Augsten vor Ort als Konkurrent unter Bundes Ganden zu etablieren, der in einem angenehmen Gespräch mit Björn Höcke zur Richterwahl 2025 Gemeinsamkeiten auslotete. Von einer systematischen Kooperation ist man zwar weit entfernt, doch Kontaktschuld hat in einer Demokratie noch nie Stimmen über den Durst eingebracht. Und so wird eine zentrale Entscheidung sein, wie man sich langfristig gegenüber der Alternative für Deutschland gibt. Formell dürften die Schnittmengen nicht werden, doch sie sind da. Dies unterstrich die einstige Linken-Ikone jüngst erst selbst.
Streng bei der Migration, fair bei der Besteuerung, pragmatisch in der Umweltpolitik…
In der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ wies sie auf die gemeinsamen Forderungen nach niedrigeren Preisen, besserer Bildung und weniger Kriminalität hin. Für mehr als ein Votieren in Einzelfällen dürfte dieses schwache Fundament aber nicht ausreichen. Ohnehin will man einen ganz eigenen Weg gehen, mehr und mehr auf Expertenregierungen setzen, auf das Einbeziehen von fachkundigen Bürgern. Keine anmaßenden Karrieristen, keine hochmütigen Eliten. Diese Gangart dürfte besonders kompatibel mit dem Stammklientel sein. Es sind einerseits die einfachen Arbeiter, Erwerbstätige mit niedrigem bis mittleren Einkommen, die besonders empfänglich sind für die Visionen und Vorstellungen des BSW. Andererseits Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die gut eingegliedert wurden sich in ihren Werten konservativ zeigen, selbst nicht mehr an „Multikulti“ glauben. Auf diese Zielgruppen muss der Fokus gerichtet, die inhaltlichen Botschaften entsprechend formuliert und adressiert werden. Besonders stark ist man in den Städten, dort ist Präsenz gefragt, das Anwerben neuer Mitglieder steht ebenso im Mittelpunkt wie der Strukturausbau.
Das große Pfund des BSW liegt in seinem lagerübergreifenden Links-Rechts-Denken…
Man sollte die Kraft des lagerübergreifenden Denkens nutzen, denn tatsächlich hat sich die ursprüngliche Polarisierung zwischen klassisch links und rechts längst überdauert. Sich einerseits für starke Renten, faire Löhne und angemessene Hilfen für die tatsächlich Bedürftigen zu engagieren, um übermäßige Vermögen zu kappen, Steuern anzupassen und die Privatisierung der Daseinsvorsorge zu beenden, das dürfte insbesondere bei den Machbarkeitsorientierten auf Zustimmung stoßen. Paart man diese Weitsicht mit dem Anliegen von Abrüstung und weniger Kriegstüchtigkeit, kombiniert dazu ausgewogene Bildungschancen, eine funktionierende Gesundheitsversorgung vor Ort, strikte Begrenzungen der Migration und Nachhaltigkeit ohne Ideologie oder Verbote, ergibt sich eine Mischung, die die breite Mitte ansprechen dürfte. Schwerste Herausforderungen auf dem Weg dorthin sind das Überwinden interner Konflikte, das Erlangen von Professionalität in der Kommunikation und das Einbeziehen wichtiger Multiplikatoren. All das gibt es nicht zum Nulltarif, man muss unter Beweis stellen, Befindlichkeiten und Differenzen größtmöglicher Affinität unterzuordnen.








