Christ, Mittlere Reife, von der Schwäbischen Alb: Wie die typische Wählerwanderung von der CDU zur AfD in Baden-Württemberg verlief…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Sonntagstrend nach Baden-Württemberg-Wahl: Union verliert Boden auf die AfD!“ (aus: „BILD“-Zeitung vom 14.03.2026)

Nach einer Wahl ist es für Parteien stets von Bedeutung, das Ergebnis in der Tiefe zu analysieren, um daraus Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen. Auch beim Urnengang in Baden-Württemberg zeigen Zahlen und Trends Entwicklungen auf, aus denen man lernen kann. Welche Bevölkerungsgruppen hat man angesprochen, wo liegt noch Potenzial? Insgesamt haben sich große Verschiebungen aufgetan, insbesondere mit Blick auf die AfD. Nicht nur in der Arbeiterklasse konnte sie erheblich mobilisieren. Das Rückgrat bildeten vor allem junge Christen. Mit 22 Prozent Zustimmung lag man in dieser Schicht deutlich über dem Durchschnittsresultat. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Altersspanne zwischen 45 und 59 Jahren. Die hart schuftende Mitte, so könnte man zusammenfassen, stellt das Fundament dar. Dagegen bildet die nachwachsende Kohorte mit einem eindeutigen Bekenntnis zu konservativen und rechten Werten das Dach, die Spitze und die Krone dieses ziemlich gefestigten Bollwerks im Südwesten der Republik, welches auch künftig Auftrieb verleihen könnte, für die kommenden Abstimmungen der östlichen Bundesländer.

Die Jugend konnte vornehmlich über die Präsenz in Social Media mobilisiert werden…

Entscheidende Faktoren bleiben, in den neuen Medien weiterhin Präsenz zu zeigen, über junge Kommunikationswege Botschaften, Inhalte und Programme zu transportieren, sich in der Ansprache zu diversifizieren. Aber auch, direkt hinein zu gehen in das Leben, in die Betriebe und Unternehmen, in die Fabriken und auf die Baustellen. Dort wird man jene finden, die früher für die SPD votierten. In konfessionellen Kreisen stößt die AfD hingegen auf enttäuschte CDU-Anhänger, die man nunmehr für sich gewinnen kann. Herausfordernd bleiben weiterhin die urbanen Gebiete. In den Städten dominierten vor allem die Grünen, wobei es die Christdemokraten in der Peripherie schafften, Prozente zurückzugewinnen. Die Alternative für Deutschland ist diesbezüglich ins Hintertreffen geraten, hat sich möglicherweise zu sehr auf die ländlichen Regionen konzentriert. Geht man wiederum nach Bildungsgrad, so liegen ihre größten Chancen bei jenen, die Haupt- und Realschule besuchen, Mittlere Reife gemacht haben, eher zu den unteren Lohnklassen gehören. Universitäre gaben lediglich zu 10 Prozent den „Blauen“ ihr Votum.

Bei Minderheiten besteht sowohl mit Blick auf Migranten wie Homosexuellen Potenzial…

Nur bedingt kann man bei Migranten fischen. Zwischen 6 Prozent und 9 Prozent lag der Zuspruch unter Bürgern muslimische Glaubens. Leicht höher der Wert bei bei Zuwanderern anderen Bekenntnisses. Nachholbedarf besteht bei Schwulen und Lesben, aber auch Personen mit Handicap. Insgesamt steht die Frage im Raum, ob man sich in die Hochburgen der Grünen vorwagt, nach Freiburg, Heidelberg oder Konstanz. Gibt man sie gänzlich auf, besteht die Gefahr, nicht weiter zu wachsen. Gleichzeitig braucht man gute Argumente, warum auch Wohlständige profitieren könnten, lassen sie sich zum Wechseln bewegen. Wie lautet das konkrete Angebot in Richtung derjenigen, die finanziell und materiell unter weniger Sorgen leiden, aber beispielsweise mit Blick auf Infrastruktur, Nahversorgung und Kitaplätze diverse Mängel ausmachen? Zwar überzeugt man an vielen Stellen mit den sogenannten Brot-und-Butter-Themen, mit der weiterhin hohen Last durch Flüchtlinge, den erdrückenden Kosten von Sozialstaat und Gesundheitsversorgung. Doch es könnte von Vorteil sein, sich stärker auf kommunale und landestypische Missstände zu konzentrieren.

Wer die urbanen Wählerschichten erreichen will, muss stärker auf lokale Themen setzen…

Entsprechend sind die Erwartungen hoch, dass das Profil geschärft wird. Ein konsequentes Eintreten für die abendländische Kultur, für die westliche Identität, für Bibel und Aufklärung zugleich. Konzepte für die Rente, Vorschläge zum Generationenvertrag. Erleichterungen für Eltern, faire Gehälter für den Proletarier. Nicht zu vernachlässigen der gut eingegliederte Ausländer, der die Sprache beherrscht, die Sitten respektiert, sich als friedlich bewährt hat, mittlerweile selbst hadert ob der offenen Grenzen und der Vielfalt. Entscheidend dürfte aber auch sein, wie man sich zur Wehrpflicht stellt, ob man die Wochenarbeitszeit erhöhen oder senken möchte, den Senior früher oder später in den Ruhestand schickt. Kurzum: Wird man sich inhaltlich breiter aufstellen, nicht nur einfache Lösungen präsentieren, sondern sich auch an heiße Eisen herantrauen? Der Beweis muss erbracht werden, startbereit zu sein für Regierungsverantwortung. Routine und Professionalität im Umgang mit Affären und Krisen, Ideen nicht nur an den eigenen Dunstkreis adressieren, sich öffnen für den Neugierigen, den Suchenden und den Beladenen.