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Das Jahr, in dem ich die AfD genau beobachte: Nicht nur in Baden-Württemberg könnte die Arroganz der Parteimächtigen Stimmen kosten…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Fünf Landtagswahlen in 2026: So stehen Özdemirs Chancen – und die der AfD“ (aus: „Tagesspiegel“ vom 01.01.2026)

Das Jahr 2026 ist in vielen Bundesländern mit Wahlen verbunden. Auch in Baden-Württemberg steht ein Urnengang an, am 6. März wird die Zusammensetzung des Parlaments in Stuttgart neu bestimmt. Somit bin auch ich gefordert, an jenem Sonntag mein Kreuz zu setzen. Und ich gebe zu, mir ist die Entscheidung selten so schwer gefallen. Einst im grün-linken Lager verhaftet, allerdings ohne Leidenschaft und Herzblut, sondern in der damals noch geltenden Überzeugung, bei der SPD Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Vernunft und diplomatischer Außenpolitik verwirklicht zu finden, habe ich mich spätestens durch die Erfahrungen als Integrationsberater nach dem Tabubruch der Angela Merkel 2015 einer Neuorientierung unterzogen, weil ich mit Realitäten konfrontiert worden bin, die einen Kurswechsel zwingend nötig machten.

Das Verhalten des Spitzenkandidaten im Südwesten hat mein Urteil über die AfD geprägt…

Deshalb habe ich mich von jeglicher Kontaktschuld befreit, nicht nur den Dialog mit der AfD gesucht, sondern mich ganz bewusst auf eine faire, konstruktive und wohlwollende Berichterstattung über sie eingelassen. Denn es ist meine feste Überzeugung, die verschiedenen Wettbewerber chancengleich zu Wort kommen zu lassen. Ich wende mich diametral gegen publizistische Kollegen, die ihre Lebensaufgabe darin gefunden haben, Skandale und Affären über die Alternative für Deutschland in die Schlagzeilen zu hieven, die bei einer ehrlichen Betrachtung zu nicht mehr taugen als einem umfallendem Reissack. Doch nach Monaten intensiven Engagements, allein über 800 Artikel oder Porträts über verschiedene Vertreter und die Partei im Gesamten, muss ich mir eingestehen: Vielleicht ist sie doch nicht anders als der Rest, bereits zu sehr im System angekommen.

Denn sie schreckt ebenfalls kaum zurück vor einem Schwarz-Weiß-Denken, vom Feind-Freund-Muster, von einem „Wir hier, die da drüben“. Einige Repräsentanten ordneten mich nach kritischen Worten der Lügenpresse zu, sahen mich als selbstverschuldeten Sündenbock für die Fehler meiner Kollegen im ÖRR. Aus durchgestochenen Interna weiß ich mittlerweile, in Chats und E-Mails als „nützlicher Idiot“ bezeichnet worden zu sein, als „Fanboy“, dessen Inhalte man nicht loben, kommentieren oder verbreiten sollte. Mein Votum sei überflüssig und verzichtbar. Und ja, es macht in gut zwei Monaten gerade einmal 0,00002 Prozent aus, ob ich den „Blauen“ beipflichte. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier hat mich nicht überzeugt, obwohl er von seinen Anhängern als „Rising Star“ bezeichnet wird. Auch er bleibt reserviert, wenn man ihn öffentlich hervorhebt.

Markus Frohnmaier ist ein versierter Fachmann, aber kein nahbarer Landesvater…

Bisweilen elitär und arrogant anmutend, haben ihn die Medien bereits zum „Schwätzer“ und „Maulheld“ degradiert. Was darin an Wahrheit steckt, darüber muss sich jeder ein eigenes Urteil bilden. Jedenfalls postet er Videos aus einem imposanten Dienstwagen, reist von Gala zu Gala, gibt sich maßgeschneidert im passenden Zwirn. Von Nahbarkeit bleibt wenig, obwohl seine Stärken doch in der Rhetorik und Mobilisierung liegen. Mangelnde Dialogbereitschaft hängt ihm als Etikett ebenso an wie eine fehlende Qualifizierung zum Ministerpräsidenten. Berufliche Erfahrung lässt er vermissen, auf Plattformen wie X finden sich Zuschreibungen wie jene des „peinlichen Verräters“. Das von ihm vertretene Programm ist spärlich und übersichtlich, sein Fokus liegt auf Internationalität. Diesbezüglich gilt er als Fachmann und Experte seiner Fraktion.

Ob er allerdings als heimatverbundener Landesvater im Südwesten taugt, hieran mag man doch erhebliche Zweifel hegen. Nicht etwa seine Russlandnähe wird ihm zum Verhängnis, auch die Anhaftung des Rechtsextremistischen durch den Verfassungsschutz hat in ihrer heutigen Abgeschliffenheit kaum noch eine Bedeutung. Stattdessen sollte der mündige Souverän abwägen, ob es genügt, wenn ein möglicher Regierungschef zwar online viral geht, emotionalisiert und polarisiert, Rhetorik beweist, aber in der Praxis Bodenständigkeit wie Echtheit schuldig bleibt. Man könnte argumentieren, ich würde mein Urteil zu sehr an einer Person festmachen. Doch er bleibt nun einmal das Aushängeschild, der im Zweifel die tragende Rolle übernimmt. Und es hat am Ende etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun, inwieweit man auch charakterlich Opposition ist.