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Das ZDF, die Kaulitze und der Sündenfall zur besten Sendezeit: ÖRR-Zuschauer werden zum Probanden für moderne Geschmacksverirrung…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Traum, der wahr wird‘: Kaulitz-Zwillinge als ‚Wetten, dass…?‘-Moderatoren bestätigt“ (aus: „ntv“ vom 21.01.2026)

Liebes Zweite Deutsche Fernsehen,

wissen Sie, woran ich mich noch gut erinnere? Als mir doch tatsächlich in der Ausbildung vermittelt wurde, dass Ihr Haus ein „Leuchtturm“ in Sachen eines integren Journalismus sei. Kracher, Burner, Witz des Tages, nicht wahr? Fast so lustig wie Bill und Tom, die Allzweckwaffe für gediegene Samstagabendunterhaltung. Gott sei Dank können sich Frank Elstner und Thomas Gottschalk noch nicht im Grab umdrehen. Ein Model, das in den Farbeimer gefallen ist. Ein Gitarrist, mit einer gewissen Jesus-Assoziation. Der Tiefpunkt von Diversifizierung, das Sodom und Gomorrha menschlichen Geschmacks.

Die Zentralanstalt Demagogischer Flachbildfiktion (kurz: ZDF) lässt nicht nur mit Blick auf die Nachrichtenberichterstattung mittlerweile sämtliche presseethische Hüllen fallen, entschied doch jüngst erst das zuständige Aufsichtsgremium, dass Böhmermanns Verleumdung gegen Dritte auch dann legitim und rechtmäßig sei, wenn Informationen auf unlauterem Wege gewonnen wurden. Natürlich kann man schon lange nicht mehr davon ausgehen, dass Ihnen an einer wahrheitsgetreuen Darlegung der Verhältnisse in unserer Republik gelegen ist, machen Sie doch Schönwetterfunk für Gutgläubige, das Sandmännchen für Fortgeschrittene.

Wer die „heute“ schaut, hat schnell auf Sand gebaut – denn die Wahrheit wird zum Verriss…

Da funktioniert die Integration, da läuft die Wirtschaft wie am Schnürchen. Das Versagen der Regierung wird mit auffallend tendenziösen Umfragen klein geredet, irgendwie scheint alles in Butter. Außer natürlich, wenn es um die AfD geht. Dann geht es ans Eingemachte, das Totschlagargument des Faktenchecks wird hervorgeholt, direkt aus der Mottenkiste. Als wären wir nicht in einem Zeitalter angekommen, in dem der Bürger selbst in der Lage ist, strittige Aussagen auf ihre Substanz zu überprüfen. Wir brauchen keine Oberlehrer und Moralprediger, die uns sagen, was wir zu denken, zu tun und zu wählen haben.

Und vor allem bedarf der erwachsene Souverän keiner Bühne, die Markus Lanz Daniel Günther geboten hat. Um autoritäres Gebaren kurz vor dem Sendeschluss über den Äther zu schicken, damit der Moderator zunächst irritiert blickt, einige Tage später den CDU-Mann reflexartig in Schutz nimmt. Man will eigentlich gar nicht wissen, was sich hinter den Mauern des Mainzer Lerchenbergs abspielt. Es dürfte ein raues Klima der Hierarchie herrschen, anders, als uns das Ihre Meteorologen über die Hitze am Himmel weismachen wollen. Auf Zurufe aus dem Off folgt plötzlich die Rolle rückwärts, schon merkwürdig.

Hayali, Theveßen, Böhmermann: Die Schreckgespenster für Pressekodex und Berufsethik…

Mit Verlaub, Sie haben unter Ihrem Intendanten ein Eigenleben entwickelt, frönen der Daueralimentierung durch den Beitragszahler, können sich von Schnitzern bis zu handfesten Skandalen nahezu sämtlichen Missbrauch publizistischer Standards erlauben, wenn Sie die Realität lediglich ausschnittsweise darstellen, mit Methoden wie der Bild-Ton-Schere oder Symbolbildern die Wahrnehmung des Zusehers bewusst in eine bestimmte Richtung lenken. Die Auswahl von Gesprächsgästen ist genauso selektiv wie das Interview in der Fußgängerzone. Da kommt niemand zufällig vorbei, solange er eine andere Meinung hat.

Die Gesprächsgäste in den Talkformaten könnten eigentlich gleich sitzenbleiben. Es sind ohnehin immer wieder dieselben, besonders schwarz, grün und rot gefärbt, was die politische Agenda angeht. Ausgewogenheit kennen Sie lediglich vom Tara auf der Küchenzeile. All das könnte mir prinzipiell ziemlich egal sein, würden Sie nicht die Konten jener plündern, die Sie verachten, aber gezwungen werden, Ihre Marktschreierei zu finanzieren. Zum Schluss, trotzdem noch ein Dank. Denn wer könnte den Wandel von der Unabhängigkeit zur Parteilichkeit der Medien besser illustrieren als Sie, die Haudegen der etablierten Propagandamaschinerie.