Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „AfD-Machtkampf eskaliert: Lucassen wehrte sich gegen Höcke – jetzt droht ihm das Aus“ (aus: „Merkur“ vom 31.03.2026)
Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Spannungsfeld auftut. Zwar hat die AfD-Bundestagsfraktion das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz geschlossenen abgelehnt. Doch die Kontroverse geht weiter. Insbesondere eine entsprechende Passage sorgt derzeit für Furore und Empörung. Selbst Minderjährige müssen sich künftig für einen Auslandsaufenthalt von mehr als drei Monaten eine Genehmigung des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr einholen. Diese Pflicht gilt bis zu einem Alter von 45 Jahren und soll die Wehrerfassung für den Fall einer potenziellen Einberufung unterstützen. Kritiker werfen wohl nicht umsonst vor, dass die stille Mobilisierung im Land an Fahrt gewinnt. Man wird den Verdacht kaum los, dass die große Politik auf Krieg hinarbeitet, alle Zeichen stehen auf Sturm. Wie war das noch gleich mit der Ausreiseerlaubnis in der DDR, als Bürger die Zustimmung des Staates für ihre Freizügigkeit erbitten mussten? Damals galt die „Republikflucht“ vor allem auch deshalb als Akt der Untreue, weil sie das „Wehrpotenzial“ untergrabe. Sind wir also zurück in der Diktatur, nicht nur wegen der wegbrechenden Meinungsvielfalt, der Brandmauer und der Verbotskultur von SPD, Grünen oder Linken?
„Ohne, daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen…“
Werden wir irgendwann Szenen erleben, wie sie momentan die Ukraine durchläuft? Gehen die Behörden auf Jagd nach jungen Menschen, die sich dem Dienst an der Waffe entziehen wollen? Wie viel ist noch übrig vom verfassungsrechtlichen Anspruch, verweigern zu dürfen? 1939 hatten die Nationalsozialisten nicht nur einen „Wehrpass“ eingeführt, sondern auch strenge Kontrollen über den Aufenthaltsort und die Ausreise von Deutschen, um Desertion oder Flucht vor dem Dienen zu verhindern. Da ist die Willensfreiheit plötzlich nur noch Makulatur. Was mit Blick auf die Alternative für Deutschland im Augenblick besonders sauer aufstößt, dass sie ihre Haltung nicht etwa mit einer zu umfassenden Regelung im besagten Gesetz begründet. Sondern ausdrücklich mit der Maßgabe, es greife nicht weit genug. Bricht sie mit ihrem eigenen Programm, wenn sie von „Mutlosigkeit“ spricht, weil sie sich offenbar eine noch härtere Gangart gegenüber unseren Sprösslingen gewünscht hätte? Da kommt die unangenehme Befürchtung auf, die „Blauen“ suchten nach Kanonenfutter. Was ist aus einer einstigen Friedenspartei geworden, in der offenbar transatlantische Militaristen die außenpolitische Übermacht für sich beanspruchen, nach Drill und Gehorsam lechzen?
Die AfD propagiert Freiheit und den schlanken Staat, aber Totalüberwachung der Jugend…
Es ist nicht unumstritten in den eigenen Reihen, was dort an Preisgabe der nächsten Generation geschieht. Für einen erheblichen Teil der nachkommenden Alterskohorte ist die AfD ein Hoffnungsträger. Doch kann man einer Kraft wirklich vertrauen, die ohne Skrupel Opferlämmer darbringt? Angeblich um der bloßen Selbstverteidigung willen. Eigentlich hätte man jedoch gedacht, der Weg solle in Richtung Neutralität, Diplomatie und Zurückhaltung führen. Anscheinend gibt es jedoch Lager, die gewisse Freude daran hegen, Söhne und Enkel in Kampfbereitschaft zu versetzen. Man fordert eine Wehrpflicht von mindestens zwei Jahren, angeblich als einen patriotischen Beitrag. Sie wollen nichts von Freiwilligkeit wissen, diese Mandatare wie Rüdiger Lucassen oder Beatrix von Storch. Gilt damit jeder, der auf sein Gewissen hört, sich dem Pazifismus verschreibt, plötzlich als Vaterlandsverräter? Die Debatte hat das Potenzial, nicht nur dem Ansehen zu schaden und Umfragewerte zu reduzieren. Sondern auch eine Spaltung und ein Zerreißen der Partei zu forcieren. Gerade im Osten, allen voran Tino Chrupalla und Björn Höcke, begegnet man Abgeordneten mit größter Skepsis, die Ertüchtigung wieder zu einer Art Breitensport machen wollen.
Wie lässt sich Kriegstüchtigkeit mit antimilitaristischen Ansprüchen von einst vereinbaren?
Angesichts der bloßen Euphorie über Truppe und Heer fällt es schwer, wie man die Forderung aus dem Grundsatzprogramm wirklich glauben soll, dass man sich allein als defensive Streitmacht verstehen will. Auch die Position eines schlanken Staates, der die Freiheit des Einzelnen schützt und vor dessen Übergriffigkeit warnt, passt nicht zusammen mit einer konsequenten Überzeugung von umfassendem Wehrdienst. Denn hier geht es um eine massive Intervention in die Autonomie jedes Bürgers im entsprechenden Alter, um eine Form von Zwang, die sowohl Berufswahl wie auch Lebensplanung tangiert. Ursprünglich verstand sich die AfD als ordoliberal und euroskeptisch, explizit friedenssüchtig. Daran kann man heute Zweifel anmelden. Eine lückenlose staatliche Überwachung der Wehrpflichtigen lässt sich problemlos in Einklang bringen mit einer gewünschten Erlaubnispflicht für Reisen ins Ausland. Und wie tragfähig am Ende die Argumentation bleibt, dass es ausschließlich um die Interessen der Bundesrepublik gehe, man sich dezidiert aus Kriegen anderer Nationen heraushalten wolle, müssen vor allem Heranreifende beantworten, die vor der Qual der Wahl stehen, eigentlich „Blau“ zu unterstützen, aber nicht die Offiziere der Partei.








