Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Grundwertekommission: Wagenknecht gründet Gremium für Weiterentwicklung des BSW“ (aus: „ZEIT Online“ vom 28.04.2026)
Eine Frage, die politische Beobachter seit jeher umtreibt, ist jene nach der ideologischen Einordnung des BSW. Gegründet als ein lagerübergreifendes Bündnis von Sahra Wagenknecht, wollte man sich ausdrücklich nicht in das klassische Schema zweier Pole zwängen lassen, sah sich eher als ein Sammelbecken, das aus unterschiedlichen Richtungen Wähler für sich abfischt. Eine jüngste Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts kommt nach einer Erwerbspersonenbefragung unter den Stimmberechtigten der Bundestagswahl 2025 zum aktuellen Ergebnis, dass die Partei überdurchschnittlich ostdeutsch geprägt sei. Rund 28 Prozent ihrer Unterstützer kamen aus den neuen Bundesländern, deutlich mehr als bei allen anderen Wettbewerbern. Mit 53,6 Prozent an weiblichen Anhängern zeigt sie einen leichten Überhang unter Frauen. Präferiert wird sie vor allem wegen den Themen Umverteilung, Altersvorsorge, Lebensstandard und Preissteigerungen. Man könnte meinen, mit diesem Befund lasse sie sich tendenziell als eine linke Kraft beschreiben. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass das WSI zur Hans-Böckler-Stiftung gehört, die aus Tradition dem DGB und der SPD nahesteht.
Rot statt Blau: Das BSW fischt eher im Lager von SPD und Linken als im Becken der AfD!
Insofern sind die Resultate mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, weil sie zudem nicht als repräsentativ gelten können, wurden die Jugend und Senioren in der Erhebung weitgehend ausgespart. Trotzdem haben sie ein gewisses Gewicht, korrelieren darüber hinaus mit dem Befund, dass die Sympathisanten gesellschaftlich eher konservativ unterwegs sind. Sie lehnen die Massenmigration und die Zentralisierung der EU kategorisch ab, unterscheiden sich damit diametral von Grünen und Genossen. Dennoch konnte man gerade in deren Klientel ordentlich für sich gewinnen, etwa 22 Prozent. Nur vier Prozent entspringen dem Spektrum um die AfD. Dies kann letztlich auch darauf zurückgeführt werden, dass man sich moderater, weniger populistisch und stärker pragmatisch gibt als die Alternative für Deutschland. Netto mussten die „Blauen“ unter dem Strich gleichwohlordentlich Federn lassen an „Violett-Orange“. Weitere Merkmale jener, die ihr Kreuz beim BSW gesetzt haben: Überproportional mittlere Bildungsabschlüsse, eher geringes Einkommen, häufig in Dienstleistungs- und Verwaltungsberufen beschäftigt, hohes Misstrauen gegenüber der Bundesregierung und eklatante Skepsis mit Blick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Eine Mischung aus sozialer Wirtschaftsagenda und restriktiver Gesellschaftspolitik…
Insgesamt bestätigen die Zahlen und Statistiken genau jenen Kurs, den Amira Mohamed Ali und Fabio De Masi eingeschlagen haben. Man will linke Wirtschaftspolitik mit migrationskritischer Gesellschaftspolitik verbinden, sich dabei stark auf Ostdeutschland und Frauen fokussieren, besonders in Pflege, Verkauf und Gastronomie um Zustimmung werben. Thematisch konzentriert sich die Partei auf Preisstabilität, Reichensteuer, Mindestlohn, Mietendeckel, Rentensicherheit, Fachkräftezuwanderung, Grenzkontrollen, Migrationswende und Meinungsfreiheit. Die Zweifel an der Berichterstattung der breiten Medienlandschaft will man für sich ummünzen. Alleinstellungsmerkmale hinsichtlich einer strikten Forderung nach Frieden, Abrüstung, Entmilitarisierung und Diplomatie sollen das Zünglein an der Waage sein. Die Zielsetzung darüber hinaus ist klar, in möglichst vielen Urnengängen die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen. Der neue Name muss bekannt gemacht werden, in zahlreichen Regionen braucht es zunächst einmal ein stabiles Fundament. Das Anwerben von Kandidaten aus den genannten Berufszweigen wird eine Herausforderung darstellen, die Neuaufstellung dort voranschreiten, wo man bisher nicht vertreten ist.
Vor allem im Westen liegen ungenutzte Potenziale, nicht nur bei Vierzigern mit Mini-Job…
Ungenutzte Potenziale finden sich beim weiblichen Geschlecht zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, das bisher noch bei Linken oder Sozialdemokraten verblieben ist, vielleicht sogar Nichtwähler war. Man sollte Westdeutschland nicht komplett abschreiben, denn auch dort sind passende Milieus zu finden, die sich erschließen lassen. Will man ehrlich und glaubwürdig sein, wächst man diesseits der Berliner und der Brandmauer. Zielgruppe sind jene, die sich um Inflation, Lebenshaltungskosten und Daseinsversorgung Gedanken machen, am ausschließlich menschgemachten Klimawandel und der energetischen Transformation zweifeln, Flüchtlings- und Asylbewegungen regulieren und offene Grenzen der Vergangenheit angehörend sehen wollen. In diesem Bereich kann die Mobilisierung noch zunehmen. Durch die Formulierung konkreter Programmatik, aber auch den Transport des Profils bis nach Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg könnte es quer durch die Republik nachhaltig gelingen, ein Potenzial zwischen sechs und zehn Prozent zu zementieren. Zeigt man sich bereit, keine Kopie zu sein, sondern ein Original, das Lösungsansätze der unterschiedlichen Weltanschauungen berücksichtigt, ist ein fester Platz sicher.








