Wenn Teile der AfD das eigene Programm nicht kennen: Chrupallas Abzugsforderung in Richtung der USA ist bereits seit 2016 fest gesetzt!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „AfD: Parteichef Chrupalla fordert den Abzug der USA aus Deutschland“ (aus: FAZ vom 29.03.2026)

Dass es zu einer gewissen Schnappatmung kommt, wenn die AfD politische Forderungen aufstellt, ist mit Blick auf ihre Konkurrenten, die empörten Omas von links und auch einen Großteil der Medienlandschaft nicht sonderlich überraschend. Bezeichnend hingegen, wenn aus den eigenen Reihen plötzlich Unverständnis dafür gezeigt wird, dass Tino Chrupalla nicht mehr und nicht weniger äußert als das, was seit langem im Grundsatzprogramm der Partei verankert ist. Nämlich der sukzessive Rückzug der US-Truppen von hiesigem Boden. Schon seit 2016 ist es das Anliegen der Alternative für Deutschland, die Bundesrepublik auf diesen Weg zu mehr Neutralität und Unabhängigkeit zu führen. Weshalb also genau das Replizieren dieser schon lange existierenden Haltung plötzlich zu einem Problem wird, kann man wohl nur dann nachvollziehen, wenn man sich interne Dynamiken der „Blauen“ genauer ansieht. Im Gegensatz zum BSW, gibt es diesbezüglich keine einvernehmliche Perspektive zwischen ost- und westdeutschen Landesverbänden. Hier geht eine Bruchlinie nahezu quer durch Fraktion und Basis.

Auf dem Holzweg sind die Transatlantiker, denn sie abseits des geltenden Programms…

Während unter anderem das Lager um Höcke seit jeher dafür bekannt ist, insbesondere die enge Bindung an das transatlantische Bündnis in Frage zu stellen, gibt es wiederum stringente Anhänger in Richtung Amerikas, die Donald Trump nach dem Munde reden. Beispielsweise der einstige Spitzenkandidat in Baden-Württemberg und außenpolitische Sprecher, Markus Frohnmaier. Aber auch andere Verteidigungsexperten wie Rüdiger Lucassen oder Beatrix von Storch sehen sich gänzlich auf Linie Washingtons. Dabei ist festgeschrieben, wohin die Reise gehen soll: Ziel sei der „Abzug aller noch auf deutschem Boden stationierten alliierten Truppen und insbesondere deren Atomwaffen“, so steht es fixiert in den Leitlinien der AfD. Und gerade die aktuellen Kriege, beispielsweise in der Ukraine oder gegen den Iran, aber auch die Erfahrungen aus Auslandseinsätzen der Vergangenheit, von Afghanistan über den Irak bis hin zum Horn von Afrika, untermauern noch einmal ausdrücklich: Weder am Hindukusch, noch am Persischen Golf oder im Donbass werden Freiheit und Zukunft unserer Nation entschieden.

Deutschland kann das Truppenstatut mit den USA zum Ende jeden Jahres kündigen…

Würden wir uns stärker auf die Probleme im hiesigen Land fokussieren, statt in einer Allianz des Wertewestens konsequent darum zu ringen, das Verständnis von Demokratie der unsrigen Hemisphäre in sämtlichen Konfliktherden aufzustülpen, in der naiven Überzeugung davon auszugehen, Prinzipien und Normen, die wir als kulturell und sittlich hochhalten, seien für sämtliche Gesellschaften auf diesem Globus ein Vorzeigemodell und Exportschlager, dann würde die AfD tatsächlich als patriotisch wahrgenommen. So gilt sie insbesondere als Marionette und Handlanger des Weißen Hauses, die dazu neigt, unsere Menschen und das Material für Schlachten zu opfern, in denen es vornehmlich um die Interessen einiger weniger NATO-Partner geht. Wohin diese Alleingänge führen, das zeigen die momentanen Auseinandersetzungen mit Teheran. Explodierende Energiepreise, ein Abwürgen der Wirtschaft, weil erneut Ressourcen wie Öl, Gas und seltene Erden im Fokus stehen. Nicht aber vorrangig zu unseren Gunsten, sondern wir baden das aus, was mit den ziemlich unkontrollierten Schlägen gegen die Gottesstaatler an Chaos angerichtet wurde, ohne das dortige Volk wirklich von den Mullahs zu entfesseln.

Ziel ist die Souveränität der Bundesrepublik von den Einflüssen fremder Weltmächte…

Eine national-souveränistische und auf stärkere Isolation gerichtete Agenda gehörte einst zum Wesenskern der AfD. Und es wäre sogar ohne Verfassungsbruch möglich, die Armee der USA nach Hause zu schicken. Laut Truppenstatut aus den Jahren 1951 und 1959 ist eine Kündigung mit jeweils einjähriger Vorlauffrist möglich. Denn die momentane Präsenz ist freiwillig, beruht auf dem gegenseitigen Einvernehmen nach historischem Vorbild Frankreichs von 1966/67. 80 Jahre nach Kriegsende und 35 Jahre nach der Wiedervereinigung wäre es ein fundamentales Signal der Resilienz, würde man sich dazu durchringen, endlich einen autonomen Rang einzunehmen. Noch immer wirkt die Anwesenheit des einstigen Siegers über Hitlerdeutschland wie eine Art Besatzung. Als ob wir mittlerweile nicht auf eigenen Beinen stehen könnten. Die Verstrickung in diverse Militärinterventionen, welche unter anderem durch den Standort Ramstein zu einem gewissen Automatismus geworden ist, passt kaum noch in den pazifistischen Stil der Partei. Es solle eher Geld in die Bundeswehr denn in die US-Logistik fließen, so betont man.

Deutschland ist nicht angewiesen auf die amerikanische Präsenz in diesem Hoheitsgebiet…

Würden wir deutlich geschwächt, stünden wir ohne großen Bruder da? Mitnichten, wenn wir uns stattdessen auf europäische Partner konzentrieren. Die Kooperation mit den Nuklearmächten Frankreich und Großbritannien hätte durchaus abschreckende Wirkung an potenzielle Angreifer. Inwieweit es den atomaren Schutzschirm durch das Pentagon noch braucht, darüber wurde lange keine tagesaktuelle Debatte mehr geführt. Stattdessen hat man einen Zustand hingenommen, der uns von Emanzipation abhält. Natürlich könnte man argumentieren, die Ostflanke wäre geschwächt, fielen Basen bei uns weg, auf die Bündnisse zurückgreifen können. Doch es geht nicht um ein Hauruckverfahren, sondern um eine koordinierte Beendigung, welche auch Klarheit darüber schafft, dass wir nicht mehr Untertäniger sind. Zumindest bis 1990 gab es tatsächlich noch Reste alliierter Vorbehaltsrechte. Mit dem „Zwei-Plus-Vier“-Vertrag verzichteten alle Gewinner in Artikel 7 auf Ansprüche und Verantwortlichkeiten gegenüber der Bundesrepublik. Wir wurden übergeben in die Selbstbestimmung innerer und äußerer Angelegenheiten. Es wäre an der Zeit, die Tatsache deutschen Hoheitsgebietes nach so vielen Dekaden auch offiziell und spürbar zu ratifizieren.