Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Antrag dank AfD-Stimmen angenommen – Grüne schlägt ’sofortige Abstimmungswiederholungen‘ vor“ (aus: WELT vom 16.05.2026)
Allzu viele Erinnerungen an die Zeit des Kindergartens habe ich nicht mehr. Im Sandkasten ging es damals noch relativ gesittet zu. Jeder baute seine Burg, ohne Anstoß daran zu nehmen, was der Gleichaltrige nebenan fabrizierte. Doch möglicherweise war dieses friedliche Bild nicht repräsentativ. Denn blickt man heutzutage auf manch einen Erwachsenen, so kann man sich kaum vorstellen, dass ein gewisser Habitus nicht schon in die Wiege gelegt wurde. Diese Vermutung liegt auch dann nahe, wenn ich aktuell auf jene blicke, die völlig außer sich sind, weil AfD und BSW im Landtag von Sachsen einem Antrag der Grünen zugestimmt haben, kleine Schlachtbetriebe zu entlasten. Insbesondere die Reaktionen der Linken lassen erahnen, dass sie offenbar schon früher bereit dazu waren, ihrer Konkurrenz die blauen Eimerchen und violetten Förmchen an den Kopf zu werfen. Wie infantil kann man sein, einem völlig regulären Vorgang im Parlamentarismus mit einer solchen Empörung zu begegnen. Man hat die letzten Masken fallen lassen, entlarvt sich endgültig, dass es nicht um Sachpolitik, um die Verbesserung der Alltagssituation der Wirtschaft, um das Wohl des Volkes geht.
Es sollte schon einmal „demokratisch aussehen“, weil niemand „die Absicht hatte“…
Stattdessen dominieren Scheuklappen, Brandmauern und Meinungskorridore. Eine angebliche Moral ebnet den Weg, auf welchem sich der Gutmensch von heute bewegen darf. Vorgegeben von Leuten, die sich für etwas Besseres halten, demokratische Selbstverständlichkeiten nur deshalb über Bord werfen, weil sie fixiert sind in ihrer Aversion, in einer fast schon psychopathologisch anmutenden Kontaktschuld, die wahnhafte Bilder zu konstruieren vermag. Wie soll man sich sonst erklären, dass die Fraktionsvorsitzende der SED-Nachfolge in Dresdens Parlament, Susanne Schaper, das Bündnis von Sahra Wagenknecht als „Vorfeldorganisation der extremen Rechten“ bezeichnet? Wie weit weg muss man von der Realität sein, wie fest versunken in der eigenen Welt, die nur noch gezeichnet ist in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind? Offenbar sitzt der Schmerz weiterhin tief, dass man sich verraten fühlte durch die Abspaltung einer neuen, unabhängigen und frischen Bewegung, welche zum Wegbruch von erheblichem Einfluss van Akens oder Reichinneks in den Umfragen geführt hatte. Sofort wechselt man in den Modus von „wir gegen sie“, sieht sich im einseitigen Aufputschen bestätigt.
Die Herrschaft des Losverfahrens, bis das Ergebnis den Wünschen der Grünen entspricht…
Diese Hochpolarisierung im System führt zu merkwürdigen Trieben. Mittlerweile wird darüber spekuliert, ob es nicht einen automatischen Mechanismus geben könnte, Wahlvorgänge zu wiederholen, wenn Unliebsame plötzlich auf die Idee kommen, um der Inhalte willen Anträge und Vorstöße gutzuheißen, die doch eigentlich den „Richtigen“ vorbehalten sind. In der Fachsprache nennt man es wohl Stochastokratie, also eine Herrschaft, in der man so lange an die Urnen ruft, bis das Ergebnis in den Kram passt. All das hat mit Rationalität nichts mehr zu tun, vielleicht sehen wir uns mit einem Überbleibsel der Evolution konfrontiert. In der weit zurückliegenden Historie war das Loyalsein ein ausgeprägtes Wesensmerkmal vorangehenden Spezien. Ein Thema wird irrelevant, sobald Applaus von der „falschen“ Seite droht. Diese Sinnesart macht Entscheidungen zugunsten der Vernunft nahezu unmöglich. Das Gehirn sucht nach Beweisen, die Verwerflichkeit des Gegners unterstreichen zu können. Man muss mit Umdeutung, Projektion und Rahmenbildung agieren, um die Wirklichkeit derart zu drehen und zu wenden, dass sich all der Irrwitz des Fremdschämens irgendwie rechtfertigen lässt.
Man muss dem BSW zu seiner Gelassenheit gratulieren, auf so viel Dreistigkeit zu reagieren…
Da behandelt man Andersdenkende wie Aussätzige, damit die kognitive Dissonanz nicht gänzlich implodiert. Das Weltbild bleibt intakt, wenn nunmehr eine Philosophie von vermeintlichen Verschwörungsgläubigen oder religiösen Fundamentalisten kurzerhand im Gewand des Antifaschismus daherkommt. Innerhalb der eigenen Blase wird die sittliche Überlegenheit gepriesen. Für Außenstehende bleibt nur Kopfschütteln, denn zum Lachen ist diese Lähmung unserer Staatsform schon lange nicht mehr. Positiv und erleichternd zu sehen, wie geduldig, pragmatisch oder weitsichtig das BSW seinerseits das Getöse goutiert. Es macht sich einen Namen als tatsächlich bodenständige Kraft, die allein Klugheit, Besonnenheit wie Einsicht in die Mitte ihrer Abwägungen stellt. Sie gibt sich fern von Lagern, abseits der Bipolarität. Ihr Fokus gilt dem Fortschritt, das Augenmerk der Veränderung. Man ist reif genug, sich nicht beirren zu lassen von Etiketten, hat genügend Selbstbewusstsein, der Verleumdung zu widerstehen. All das spricht für jene Abgeklärtheit und Lebenserfahrung, die man in etablierten Kreisen von der Mitte bis zum Rand wohl auch im Falle von Einstelligkeit vergeblich suchen wird.








