Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Spritpreis-Krise: Grünenpolitiker Andreas Audretsch wirft Kanzler Merz Kontrollverlust vor“ (aus: „ZEIT Online“ vom 11.04.2026)
Sie galt als eine der größten Affären in der jüngeren Geschichte der Grünen. Als Ende 2024 der damalige Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar aus Berlin-Pankow, der dem Realo-Flügel der Partei zuzurechnen ist, mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert wurde, berichtete der RBB nahezu reflexartig über eine den Leumund und die Karriere eines Mandatars zerstörende Geschichte, die sich im Nachhinein als Lug und Trug erwies. Grundlage waren anonyme Äußerungen und eine vermeintlich „eidesstattliche Erklärung“ einer Zeugin namens „Anne K.“. Einige Behauptungen gingen gar in Richtung strafrechtlich relevanter Gewalt. Der Angeprangerte wies alles zurück – und er musste Recht behalten. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass die Erzählung frei erfunden wurde. Hinter dem Synonym versteckte sich in Wahrheit die Bezirksvorsitzende Shirin Kreße aus dem linken Lager, die kurz darauf ihr Amt niederlegte und austrat. Gegen sie erfolgte eine Anzeige wegen Falschaussage. Doch da war das Kind bereits in den Brunnen gefallen, der Ruf eines Mannes zugrunde gerichtet, der Opfer einer perfiden und berechnenden Intrige wurde.
Die „eidesstattliche Erklärung“ war frei erfunden, die Berichterstattung damit haltlos…
Die völlig auf dem Irrweg reitende Rundfunkanstalt musste ihre Recherche teilweise zurückziehen, sie war Heuchlern auf den Leim gegangen. Personelle Konsequenzen wurden gezogen, Chefredakteur und Programmdirektorin nahmen ihren Hut. Gelbhaar stand eigentlich als sicherer Kandidat auf Platz 2 der Landesliste und hatte seine Direktkandidatur mit 98,4 Prozent gewonnen. Es war allein der Druck einer hanebüchenen Schlagzeile, die ihn dazu zwang, sich schlussendlich doch nicht zur Wahl zu stellen. Damit war der Wiedereinzug ins Parlament gescheitert. Mitschuldig an der Misere schien nicht zuletzt auch der im Nachhinein Fehler im Umgang eingestehende Bundesvorstand, der sich daraufhin für die Errichtung einer Ombuds- und Juristenkommission aussprach. Man hatte zu schnell gehandelt, vorverurteilt, nicht geprüft, sondern sich blind verlassen, in einer Atmosphäre von „Me too“. Da war die Unschuldsvermutung nur noch Makulatur, die Aufarbeitung ist aus Sicht von externen Beobachtern nie ehrlich und vollständig gewesen. Schon allein deshalb kann und darf von einem Abschluss kaum die Rede sein.
Gelbhaar wurde Opfer einer Intrige, deren Strippenzieher lange Zeit im Dunkeln blieben…
Denn die Folgen für eine Biografie sind verheerend. Auch wenn im Januar 2026 neue Chatverläufe auftauchten, die Gelbhaar Grenzüberschreitungen gegenüber einer Praktikumsinteressentin unterstellten, verlief die öffentliche Geißelung jenseits aller Maßstäbe. Die Glaubwürdigkeit all seiner Gegner sinkt mittlerweile gegen Null. Denn wer weiß denn noch, was Wirklichkeit und Heimtücke ist? Dass ausgerechnet des Ex-Wirtschaftsministers Wahlkampfmanager Andreas Audretsch zum Profiteur des gesamten Schauspiels mutierte, war er doch der direkte Herausforderer im Rennen um das hauptstädtische Plenum gewesen, muss nicht unbedingt Zufall sein. Der Stuttgarter distanzierte sich schmallippig, er habe zu den gesamten Geschehnissen keinerlei Verbindung. Sicherlich kann man nicht belegen, dass er als Drahtzieher gilt. Doch als Nutznießer zwangsläufig. Seine Vertrauten und Unterstützer brüsten sich als enge Rivalen der ideologisch Gemäßigten. Dass er in der gesamten Schmutzkampagne relativ genant daherkam, korreliert mit dem Verhalten der damaligen Bundesspitze. Robert Habeck hielt sich bedeckt, Rückendeckung hätte anders ausgesehen. Mehr als Indizien bleiben nicht, aber moralische Bedenken allemal.
Gelbhaar wurde Opfer einer Intrige, deren Strippenzieher lange Zeit im Dunkeln blieben…
Insbesondere auch unter dem Umstand, dass Audretsch mittlerweile einen beeindruckenden Aufstieg verzeichnet. Er gilt als gefragter Gesprächspartner in den etablierten Medien, dominiert viele Debatten als stellvertretender Fraktionsvorsitzender, der für die wichtigen Themen Finanzen, Haushalt, Wirtschaft, Arbeit und Soziales zuständig ist. Der 41-Jährige macht sich zum Hoffnungsträger und Aushängeschild, wird jedoch auch als opportunistisch beschrieben. Das Prädikat der Machtbesessenheit hängt ihm an, wer ihn in Interviews verfolgt, vermag ihm eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit zu bescheinigen. Gänzlich ohne egoistische Züge kann man auf dem politischen Parkett kaum auskommen, doch die Dosis zählt. Ein ehrgeiziger Parteisoldat, der keine Selbstzweifel oder Reflektiertheit offenbart, wenn es um seinen Vorteil aus dem damaligen Eklat geht, spricht Bände. Er machte schnell weiter, als ob nichts gewesen wäre. Diese Ignoranz bleibt haften. Seine Empathielosigkeit in der Furore hat zu Misstrauen geführt, ob Arglist mit von der Partie war, ist Sache der Mutmaßung. Seine Persönlichkeit bleibt umstritten, ein sittlicher Makel lässt sich kaum mehr wegdiskutieren.








