Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Obstruktion um jeden Preis: Wie sich das BSW selbst zerstört“ (aus: „Süddeutsche Zeitung“ vom 13.01.2026)
Gleich zu Beginn dieser Artikels muss ich mit einem Mythos aufräumen. Erst jüngst bezeichnete mich ein Politiker des BSW in den sozialen Medien als „durch und durch AfDler“. Das ist faktisch falsch. Denn eigentlich bin ich ein Linker. Allerdings war ich weder mit den Genossen noch mit den Grünen jemals verheiratet. Mit Parteien gehe ich generell keine Liebesbeziehung ein. Das ist eine Zweckehe, manchmal sogar nur auf Zeit. Beispielsweise, wenn ich als Integrationsberater die Erfahrung mache, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Ich gebe unverhohlen zu, dass in mir stets Patriotismus und Heimatliebe wohnten. Sie habe ich nicht immer zur Schau gestellt, weil mir soziale Gerechtigkeit, ökologische Vernunft, Frieden und gesellschaftliche Versöhnung lange Zeit wichtiger gewesen sind. Dass ich mich als Privatmensch orientiere, wen ich bei der nächsten Wahl auf meinem Stimmzettel ankreuzen soll, dürfte nicht verwundern.
Als Journalist habe ich stets versucht, Distanz zu sämtlichen Wettbewerbern zu wahren. Ja, ich bin überzeugt gewesen, dass die Alternative für Deutschland im Augenblick die einzig denkbare Kraft ist, die eine ehrliche Veränderung herbeiführen kann. Deshalb habe ich mich auch intensiv mit ihr befasst. Es mag sein, dass ich manchmal naiv gewesen bin. Meine Lebenswege gingen nie geradeaus, machten viele Kurven, ich nahm Abzweigungen, wenn es nötig schien. Der Umgang der „Blauen“ mit Presseschaffenden, eine Heroisierung von Spitzenkandidaten, ein Kult um bestimmte Repräsentanten, eine gewisse Oberflächlichkeit im Auftreten, das Kommunizieren in Echokammern, ein Denken in Freund und Feind, all das hat mich zunehmend zweifeln lassen. Und dann streckt man seine Fühler noch einmal ganz neu aus. Ich hegte von Anfang an Sympathie für das Bündnis von Sarah Wagenknecht, war das Projekt doch seit jeher darauf angelegt, Lagergrenzen zu überwinden.
Das BSW hat es gewagt, eigenes Profil über den Druck des Koalitionspartners zu stellen…
Das ist das, was für mich Demokratie ausmacht. Die besten Lösungen und Konzepte aus sämtlichen Weltanschauungen, vereint unter dem Dach von Pragmatismus und Vernunft. Und auch wenn ich beispielsweise von Fabio De Masi auf X nicht wirklich fair behandelt wurde, so kann ich es verkraften, vor allem differenzieren. Besonders angetan bin ich seit dem Koalitionsbruch in Brandenburg. Denn im Gegensatz zu manch einem anderen Beobachter sehe ich dieses reinigende Gewitter nicht als einen Beweis für die Regierungsunfähigkeit der Orange-Violetten, sondern als eine Bestätigung für Rückgrat, Courage und Profil. Und nein, man hat sich mit diesem Entschluss, den erpresserischen Versuchen der SPD auf einen erzwungenen Zusammenhalt unter der Handschrift der Sozialdemokratie zu widerstehen, nicht etwa auf die AfD zubewegt, wie das oftmals in der Presse suggeriert wird. Stattdessen hat man sich zur Eigenständigkeit bekannt.
Denn wer das Programm des BSW intensiv studiert, wird sicherlich Gemeinsamkeiten feststellen. Von irgendeinem Anschmiegen, Kopieren oder Kuscheln kann keine Rede sein. Dafür ist die Grundausrichtung viel zu verschieden. Trotzdem kann es in einzelnen Fällen zur Zusammenarbeit reichen. Und wenn ich in die noch junge Kraft hineinhöre, dann dürfte sich dieser Tenor durchsetzen. Keine Koalition um jeden Preis, aber auch keine subtile Brandmauer, die uns weiter spaltet, statt uns voran zu bringen. Und so bin ich stets mit Neugier unterwegs, wie sich jene äußern, die das Bündnis vertreten. Aufmerksam wurde ich unter anderem auf den Berliner Kommunalpolitiker Norman Wolf, dem ich nach intensiver Recherche aber durchaus zutraue, auf Bundesebene Verantwortung zu übernehmen. Immerhin erweist er sich als ein kluger Kopf, der es sich nicht ganz so einfach macht mit Schnellschüssen, sondern der abwägt, reflektiert, ohne Schwarz-Weiß denkt.
Norman Wolf steht für die Identität des Bündnisses: selbstkritisch, selbstbewusst, selbstlos…
1979 geboren, war er einst wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Abgeordnete Dr. Gesine Lötzsch. Der Diplomverwaltungsfachwirt aus Lichtenberg wechselte 2024 zum BSW, weil er gegen den Verdruss im Land vorgehen wollte. Gemeinsam mit zwei weiteren Bezirksverordneten bildete er eine Fraktion, aktuell ist er deren dortiger Vorsitzender. Seine Leidenschaft gilt lokalen Themen, er zeigt sich bürgernah und bodenständig, legt einen Schwerpunkt auf die Finanzierung des Schulausbaus, will Grünflächen in Karlshorst, Friedrichsfelde Süd und Rummelsburg erhalten, moniert die unbegrenzte Einwanderung, kritisiert die Unterbringung von Flüchtlingen in Hotels als Geldverschwendung, wendet sich mit aller Kraft gegen Krieg und Aufrüstung, steht zu seiner ideologischen Herkunft. Die Tendenz zu Verboten, Regulierung und Zensur lehnt er klar ab, auch Populismus müsse unter dem Aspekt der Meinungsfreiheit als legitime Äußerung respektiert werden.
Mit seiner einstigen Partei geht er hart ins Gericht, wenn sich diese beispielsweise dafür lobt, Menschen aus Syrien oder Osteuropa anzuwerben, sie als Fachkräfte ihren Herkunftsregionen zu entziehen. Er legt den Finger in die Wunde, dass die Antifa während Corona Impfungen und Zwangsmaßnahmen tolerierte – und damit die eigenen Prinzipien verriet. Nicht zuletzt deshalb schäme er sich dafür, dass er überhaupt bei den Linken Mitglied gewesen sei. Da merkt man einem tiefgründigen Charakter an, dass er sich selbst hinterfragen kann. Was kann es Besseres für Glaubwürdigkeit geben? Sein Herzblut für den Pazifismus ist ansteckend, seine Distanz zu Wokeness und „Moralaposteltum“ spricht mir aus der Seele. Er ist das Musterbeispiel eines Antikarrieristen, der seine Wurzeln nie verleugnet hat, sondern zu ihnen zurückfand. Ich bin fasziniert von einer Persönlichkeit, die sich offensichtlich nur durch eines verbiegen lässt, nämlich sein Gewissen.







