Quelle: Clipdealer.de, 1587993, erworbene Standardlizenz.

Abwarten, Luftholen, Nachdenken: Wie der sozialmediale Mitläufereffekt einen ICE-Agenten zum Täter ohne Anklage machte…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „US-Regierung schickt nach ICE-Protesten weitere Beamte nach Minnesota“ (aus: „ZEIT Online“ vom 11.01.2026)

In der Ausbildung zum Journalisten lernt man viele Dinge, die nicht nur im Berufsalltag wertvoll und von Bedeutung sind, sondern auch im Leben ganz generell eine glückliche Empfehlung darstellen. Was in meiner Zunft heutzutage unter die Räder geraten ist, vermittelte man mir einst als eine Tugend der verantwortungsvollen Berichterstattung. Nicht um der Sensation willen, auf der Jagd nach Schlagzeilen, sollte man eilig hereinbrechende Meldungen in der Redaktion bewerten, sondern im Geist der Distanz, des Abwartens und der Geduld. Denn vieles wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Nach ein paar Stunden stellen sich Gegebenheiten deutlich anders dar, als man dies im ersten Augenblick dachte. Man muss es aushalten können, mit einer abschließenden Beurteilung zurückhaltend zu sein, solange sich Dinge noch im Fluss befinden.

Gerade bei offensichtlicher Widersprüchlichkeit der Quellenlage ist Zurückhaltung angesagt!

Wer sich dazu berufen fühlt, alles Mögliche zu kommentieren, der wird ein Problem haben mit meiner Einstellung, bei Sachverhalten skeptisch zu bleiben, von denen ich entweder keine Ahnung habe, die sich in weiter Ferne abspielen, über die ich nur vom Hörensagen weiß oder die sich als derart komplex darstellen, dass sich einfache Antworten bei Wahrung der Integrität verbieten. Das seriöse Übermitteln von Nachrichten geht mit der ständigen Mahnung einher, sich nicht zum Jedermannsexperten aufzuspielen, der vorgibt, zu allem seinen Senf dazugeben zu können. Mittlerweile fühlt sich der erstbeste Bürger zum Richter berufen, sei es nur deshalb, weil er auf X ein Video gesehen hat. Ähnlich verlaufen ist es wohl auch bei den Schüssen von Minnesota, zu denen manch ein laienhafter Beobachter bereits eine Meinung hatte, als der Vorfall noch lief.

Am 7. Januar 2026 wurde die 37-jährige Renee Nicole Good in South Minneapolis von einem Agenten der U.S. Immigration and Customs Enforcement getötet. Verfügbares Bildmaterial, auch von der Bodycam, zeigt den Einsatz gegen Sozialhilfebetrug in der Stadt, als sich plötzlich ein Auto quer über die Straße stellte, in dem die Mutter von drei Kindern saß. Trotz Aufforderung der Beamten, auszusteigen, fuhr das spätere Opfer zunächst rückwärts, dann vorwärts, rollte auf den Kommissar Jonathan Ross zu. Er schoss daraufhin mehrfach, verletzte die Insassin mit tödlichem Ausgang. Die Untersuchungen werden vom Bureau of Criminal Apprehension in Zusammenarbeit mit dem Department of Homeland Security geleitet, mehrere unabhängige Verfahren sollen klären, ob es sich um einen Akt der Selbstverteidigung handelte – oder gar um einen gezielten Mordanschlag.

Wir fühlen uns zu schnell in eine Situation hinein, die sich von außen kaum beurteilen lässt…

Der Ermittler sah sich nach eigenen Angaben in einer lebensbedrohlichen Situation, bei einem genauen Betrachten der aufgenommenen Sequenzen scheint er lediglich leicht touchiert worden zu sein. Wie in diesem Augenblick die subjektive Wahrnehmung seinerseits gewesen ist, kann von außen nur äußerst schlecht eingeschätzt werden. Ohnehin befinden sich Menschen in diesem Dienst stets einer Ausnahmesituation ausgesetzt. Da fällt es denjenigen, die zu Hause warm und trocken Sherlock Holmes am Handy spielen, deutlich leichter, zu einer reflexartigen Einordnung der Geschehnisse zu kommen. Ob Unprofessionalität vorlag, weil sich Ross möglicherweise unnötig einer Gefahr hingab, als er bewusst vor das Fahrzeug trat, müssen die weiteren Erkenntnisse zeigen. War es doch mehr als die Verkettung von unglücklichen Umständen?

Doch welcher Antrieb soll bestanden haben, sich ohne triftigen Grund zu wehren? Der oftmals hervorgeholte Rassismus kann in dieser Konstellation nicht ziehen. Schon allein diese Tatsache nimmt der gesamten Diskussion den Wind aus den Segeln. Ohnehin betonen Forensiker, dass die Ausgangslage unterschiedliche Interpretationen zulasse. Wie sie im entscheidenden Augenblick empfunden wurde, können Dritte nur äußerst marginal abschätzen. Von Vorsätzlichkeit auszugehen, das wäre eine böswillige Unterstellung. Ohnehin gilt die Unschuldsvermutung, dessen sollte man sich auch als Reporter immer wieder bewusst sein. In einer Epoche der Schnelllebigkeit stimmen wir impulsiv und instinktiv in den Befund der Masse ein, statt uns einen souveränen Eindruck zu verschaffen. Diese Mentalität lässt Menschen als Täter dastehen, die vielleicht gar keine sind.