Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Alles bekommen, was wir wollen, kostenlos‘ – Trump fordert unbegrenzten Zugriff auf Grönland“ (aus: WELT vom 22.01.2026)
Wankelmütigkeit hat einen Namen: Donald Trump war bisweilen nicht wiederzuerkennen in Davos. Hatte man noch vor seinem Abflug damit gerechnet, wir stünden kurz vor einem Schlag gegen Grönland, so waren es sanfte und milde Töne, die er in der Schweiz plötzlich anschlug. Was wurde nicht gedroht mit Zöllen, auf einmal stand eine Einigung da. In Nuuk soll es keine militärische Intervention geben, stattdessen eine Verhandlungslösung mit Dänemark. Und auch gegenüber Brüssel klangen aus dem US-Präsidenten kurzerhand versöhnliche Worte. Als ob ihm jemand geflüstert hatte, dass sein Imperialismus viel Porzellan zertrümmert, in einer Zeit, die als Bewährungsprobe für den sogenannten Westen gilt. Man darf es als ein Konzept der Provokation betrachten, um auszutesten, wie weit Washington gehen kann, wie geeint die EU scheint, wie sehr Verlass ist auf vermeintliche Partner. Der kritische Beobachter schließt aber auch schlichte Irrungen und Wirrungen eines Mannes nicht aus, dem wir letztlich kaum mehr attestieren sollte als eine schlichte Unberechenbarkeit.
Zwischen Friedensnobelpreis und Hegemonie liegen bei Trump nur wenige Stunden…
Zugeständnisse wollten erzwungen, das transatlantische Bündnis auf den Prüfstand gestellt werden. Mit seinem Vorpreschen, einen internationalen „Friedensrat“ auf die Initiative dessen hin zu gründen, der gerne den Nobelpreis erhalten hätte, gibt er sich als starker Diplomat und souveräner Verhandler. Polen und Italien sollen Mitglied sein, sie stellen Premierminister, die dem Republikaner wohlgesinnt sind. In Konfliktregionen wie Gaza wird das Bemühen skeptisch betrachtet, bleibt die Einseitigkeit und Tendenziösität des Vorhabens unübersehbar. Trotzdem geht das Profilieren als Global Player weiter, in einer unzweifelhaft neuen Weltordnung, die der 79-jährige aber maßgeblich selbst zu verantworten hat. Mit seinem hegemoniellen Bestreben gegenüber Venezuela offenbarte er seinen Großmachtsanspruch, blieb trotz waghalsiger Ankündigungen in der Vermittlung um den Ukraine-Krieg bislang aber desaströs erfolglos. Seine zweite Polit-Ära gestaltet sich somit ambivalent. Vor und zurück, eine Menge an heißer Luft, geblieben sind nicht selten Schall und Rauch.
Das einzig erkennbare Bestreben in all der Unstetigkeit ist jenes nach einer Großmacht…
Von einer Strategie oder Taktik kann man kaum sprechen, bei Nüchternheit muss man eher Narzissmus und Antisozialität vermuten. Das teilweise impulsive Gehabe, Ferndiagnostiker sehen sogar Anzeichen für einen kognitiven Verfall. Und tatsächlich wirken zahlreiche Reden zusammenhanglos, Wortverwechslungen nehmen zu, die Konzentration und Aufmerksamkeit hingegen ab. Verlässlichkeit wird damit einigermaßen aussichtslos. Glücklicherweise werden die Zügel nicht nur von ihm selbst in der Hand gehalten, er muss auf den Druck von Umfragen und seiner Partei ebenso Rücksicht nehmen wie jeder andere Staatenlenker, der den eigenen Laden zusammenhalten möchte. Und da rumort es nicht nur an der Basis, sondern auch bei führenden Repräsentanten. Die MAGA-Bewegung kommt zunehmend in Erklärungsnot. Denn wie soll sie Putin verurteilen, wenn ihre Galionsfigur selbst keine Anstalten macht, die territoriale Integrität anderer Länder zu respektieren? Laut „Gallup“ sehen 55 Prozent der Befragten eine gravierende Spaltung in der sogenannten Grand Old Party.
Die Antwort Europas kann nur in eigener Souveränität und Abnabelung von Amerika liegen…
Wie soll Europa mit der Gesamtsituation verfahren? Mehr denn je braucht es Unabhängigkeit, denn eine Schutzmacht hat ihre Funktion preisgegeben. Wirtschaftliche Autonomie ist das Gebot der Stunde, in der Verteidigung verlangt die Umstände eigene Einsatzbereitschaft, aber vor allem das Bewusstsein, Puffer und Friedensstifter zu sein, der sich in erster Linie um interne Belange kümmert, statt sich in sämtliche Krisenherde einzumischen. Das Beharren auf multilaterale Institutionen ist mittlerweile wirkungslos, fühlen sich wesentliche Akteure nicht mehr an deren Entscheidungen gebunden. Insofern muss man sich einstellen auf Allianzen abseits des Offiziellen, möglicherweise auch auf wechselnde Verbindungen. Es bedarf einer Einheit jener, die sich nicht von Kühnheit und Schädlichkeit eines falschen Freundes blenden lassen. Sondern mit mehr Pragmatismus über den Teich blicken, von Naivität Abstand nehmen, man meine es prinzipiell gut mit uns. Widerstandsfähigkeit gegen Launen, Abschreckung ohne Eskalation, Gegenmaßnahmen bei Bedarf, lautet das Credo.







