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Begegnungen in der Fußgängerzone – oder: Wie der ÖRR zu ergebnisgeschlossenen O-Tönen kommt!

Natürlich steckt hinter all den zufälligen Begegnungen in der Fußgängerzone, bei denen Reporter völlig schicksalhaft auf Personen treffen, die im Nebenberuf Pressesprecher einer parteinahen Stiftung, Kassenwart eines SPD-Ortsvereins, früherer persönlicher Referent eines Linken-Abgeordneten oder ein Volontär aus den eigenen Reihen sind, ein bewusstes Kalkül der kanalisierten, gelenkten Beeinflussung von Stimmung und Auffassung im Land. In dem Wissen um die zahnlosen Tiger in den eigentlich zur ehrlichen, nicht-woken Wachsamkeit aufgeforderten Gremien, können sich die Redaktionen mittlerweile alles erlauben, denn Konsequenzen haben sie nicht zu befürchten.

Außer einer vorformulierten Entschuldigung nach jedem neuen Vorfall – die das Papier nicht wert ist, auf dem sie geschrieben steht -, wird sich an ihrem Vorgehen nichts ändern. Denn mittlerweile hat sich durch nahezu sämtliche Führungsstrukturen hindurch eine Abhängigkeit entwickelt, die man entweder als Rundfunkgebühren oder als Presseförderung betiteln kann. Nicht nur finanziell ist man zumindest indirekt von den Entscheidungen der (Landes-)Regierungen geleitet. Und das Beispiel der Intervention einer Grünen-Politikerin beim Chefredakteur der Tagesschau hat zuletzt deutlich gemacht: Natürlich ist der Staatsfunk nicht mehr unabhängig.

Er ist öffentlich finanziert, rechtlich allerdings vor jeder Kritik geschützt. Damit erklären sich die Prädikate des ÖRR einigermaßen plausibel. Und auch bei den Zeitungen ist es kaum anders: Wer heute auf der Karriereleiter aufsteigen will, der muss genehme Texte produzieren – ob er will oder nicht. Ich kann aus meiner beruflichen Erfahrung davon ein Lied singen. Dem Journalisten wird heute keine Luft mehr zum Atmen gelassen, um seinem eigentlichen Auftrag der ständigen Distanz und Skepsis gegenüber allen Quellen, der Politik und den Lobbyisten in diesem Land gerecht zu werden. Das rechtfertigt keinesfalls, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen diesem System beugen – und damit nicht selten ihr eigenes Rückgrat aufgeben.

Sie lassen los von ihren persönlich gewachsenen, gefestigten weltanschaulichen Überzeugungen, um sich eine Haltung aufoktroyieren zu lassen, welche dem vermeintlichen wissenschaftlichen, politischen, zeitgeistigen und gutmenschlichen Konsens entspricht. Man sonnt sich heute in der Freude, es den angepassten Lesern und Zuschauern recht gemacht zu haben – und beim Chef einen Stein im Brett zu haben, um gegebenenfalls auf Beförderung oder mehr Gehalt hoffen zu können. In Zeiten meiner Ausbildung war es noch attraktiv, sich gerade nicht der Homogenität hinzugeben, sondern in der Berichterstattung und Kommentierung kritisch gegenüber allem und jedem zu bleiben. Natürlich darf ein Presseschaffender seine eigene Position haben, sie sollte sodann aber auch authentisch sein. Und natürlich gab es schon immer eine eher linksgrüne Überlegenheit in den Schreibstuben des Landes. Denn der Eifer zur Aufklärung, Belehrung und Moralisierung ist unter dieser Spezies der heute als aufgeweckt bezeichneten Weltenretter besonders groß.

Dass es aber gerade nicht um eine Erziehung des Konsumenten geht, sondern um seine Befähigung, mithilfe von gut recherchierten, unabhängigen und unvoreingenommenen Informationen, provokativen Bewertungen und spiegelnden Erwiderungen Bewusstsein für Zweifel am Zeitgeist zu schärfen, Meinung zu bilden und Mündigkeit zu fördern, das hat man heute geflissentlich vergessen. Dass es so weit kommen konnte, ist auch den völlig unzureichenden Schutzmechanismen geschuldet. Die derzeitigen Kontrollinstrumente haben auf ganzer Linie versagt. Aufsicht bei den Sendern einerseits, Presserat andererseits: Sie sind in Wahrheit nicht mehr als ein Instrument zur Selbstkontrolle, in denen keine Krähe der anderen ein Auge aushackt. Daher braucht es umfassende Reformen, die Medien von jeglicher staatlicher Förderung entkoppeln – und ihnen damit abnötigen, auf eigenen Beinen zu stehen. Es gilt dann sowohl materiell, vor allem aber auch ideell.

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