Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Bündnis Sahra Wagenknecht – Auf den Höhenflug folgte der Fall: Warum sich das BSW neu aufstellen muss“ (aus: „The Pioneer“ vom 22.04.2026)
Cem Özdemir ist auf der Zielgeraden, er dürfte der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Der Koalitionsvertrag scheint in trockenen Tüchern, Herausforderer Manuel Hagel wird wahrscheinlich das Innenresort übernehmen. Große Veränderungen zu bisher kann man kaum erwarten. Vielleicht gestaltet sich der Regierungsstil etwas moderner, schließlich war Winfried Kretschmann in die Jahre gekommen. Inhaltlich spricht viel für ein „Weiter so“, denn es war zuletzt eine ziemliche Schlammschlacht, manchmal vielleicht sogar unter der Gürtellinie, die die Entscheidung am 8. März 2026 brachte. Weitgehend außen vor blieben jene Parteien, die im Hahnenkampf der beiden führenden Protagonisten untergingen. Doch waren die Stimmen für die kleineren Kräfte damit umsonst? Nein, in einer Demokratie hat jedes Votum seinen Wert. Egal, wo das Kreuz landet, es bringt Wille und Wunsch zum Ausdruck, wohin die Reise gehen soll. 1,4 Prozent an Zweit-, 0,6 Prozent an Erststimmen erhielt das BSW. Man blieb damit deutlich hinter den Erwartungen zurück, hatte zwischenzeitlich auf ein mutiges Resultat zwischen drei und fünf Prozent spekuliert, insgeheim vielleicht sogar auf ein Überspringen der Hürde ins Parlament von Stuttgart gehofft.
Dem BSW wurde im Polarisierungswahlkampf Baden-Württembergs keine Chance gelassen…
Dass es dazu nicht gekommen ist, liegt weniger an der fehlenden Überzeugungsstärke, sondern an einem polarisierten und zugespitzten Duell, welches die Aufmerksamkeit wie unter einem Brennglas fokussierte. Es gab kaum Gelegenheit für das Bündnis von Sahra Wagenknecht, mit Konzepten durchzudringen. Dabei haben sich so viele Kandidaten an der Basis engagiert. Im Wahlkreis Konstanz war es beispielsweise Daniel Niedzwetzki. Der ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammende Kaufmann im Einzelhandel war früher bei den „Piraten“ aktiv, stieg jedoch nach Flügelstreit und Unterwanderung aus. Anschließend brachte er sich in die Proteste während Corona ein. Für die kommunale Abstimmung am Bodensee 2024 formierte er eine fast erfolgreiche Vereinigung freier und unabhängiger Repräsentanten aus der breiten Mitte. Bis heute setzt er ein entsprechendes Netzwerk fort, organisierte Infostände, Aktionen und Stammtische. Da kommt jemand aus der sogenannten Graswurzelbewegung, von dort, wo man mit den Menschen auf Augenhöhe ist. Fern jeglicher Arroganz und Abgehobenheit, in der Nähe zu den Sorgen und Nöten des Einzelnen. Der einstige Zeitsoldat bei der Bundeswehr schwärmt für eine gehobene Debattenkultur, fand hierüber den Weg zum BSW.
Die örtlichen Kandidaten haben durch Authentizität, Bürgernähe und Rückgrat geglänzt…
Seine politische DNA kann man mit den Grundpfeilern des dortigen Programms umschreiben. Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Vernunft, sowohl in sozialen wie wirtschaftlichen Belangen. Das Feld solle nicht allein den Berufspolitikern überlassen werden, es brauche Quereinsteiger, die Lebenserfahrung mitbringen. Und davon hat der Heilpraktiker eine ganze Menge. Die einschneidenden Ereignisse während der Pandemie, die Wegnahme von Grundrechten, eine Autokratie durch die Hintertür haben ihn durchaus geprägt. Nicht zuletzt daraus leitet er Forderungen nach plebiszitären Elementen für unser System ab. Darüber hinaus setzt er sich für Diplomatie statt Kriegsrhetorik ein, beharrt auf ein umfassendes Verständnis des Ukraine-Konflikts mit seiner Vorgeschichte von Maidan und NATO-Osterweiterung. Er legt den Finger in die Wunde ständig steigender Militärausgaben, stellt ihnen die Verarmung nicht nur unserer Rentner gegenüber. Es brauche bezahlbaren Wohnraum, eine Entlastung des Mittelstandes, weniger Bürokratie für das Handwerk, Investitionen in Schulen, die Sanierung der Infrastruktur, verlässliche Energiepreise und die Finanzierbarkeit konkreter Projekte. Pragmatismus beim Umweltschutz, ein Stopp grünideologischer Transformation.
Daniel Niedzwetzki hat gezeigt, was der Konterpart vom arroganten Berufspolitiker ist…
Bei der Migration schlägt er einen differenzierten Ton an, möchte Fluchtursachen bekämpfen. Gleichzeitig verweist er auf die Belastungsgrenzen unserer Strukturen, des Wohlfahrtsstaates, von Ressourcen. Aktive Eingliederung durch verbindliche Sprachkurse, die Pflicht zu Arbeit und Qualifizierung. Im Gesundheitswesen will er mehr Prävention und Ganzheitlichkeit, der Bürger müsse darüber hinaus vor übergriffigen Behörden wie dem Verfassungsschutz bewahrt werden. Die Datensammelwut sei nicht nur ein Ärgernis, sondern eine Gefahr für das Vertrauen in die Funktionalität der Hoheitlichkeit. Wo möglich, solle dezentralisiert werden, auch mit Blick auf die EU. Ich habe Daniel Niedzwetzki als einen überaus sachlichen, konstruktiven und stabilen Charakter kennengelernt, der nicht nur redet, sondern tut. Mit einem hohen Maß an Empathie und Verständnis, in einer für die Gegenwart herausragenden Wertschätzung, einem vorbildhaften Respekt vor Meinung und Person des Gegenübers. Schlichtweg ein Mann, mit dem man sich beim Kaffee oder Bier trifft, um ehrlich zu reflektieren, statt zu bevormunden. Über Lagergrenzen hinweg denkend, ohne Vorurteile, sich einen individuellen Eindruck verschaffend. Kurzum: Ein integrer, selbstkritischer und kluger Geist.








