Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Selenskyj ist ein Jahrhundertheld ohnegleichen“ (aus: „ntv“ vom 24.02.2026)
Nein, er dauert noch nicht länger als der Zweite Weltkrieg, auch wenn der CDU-Vorsitzende offenbar etwas anderes behauptet hat. Trotzdem sind auch vier Jahre schon ein unerträglicher Zeitraum, in dem das Leiden und Sterben an der Front in der Ukraine weitergeht. Mittlerweile sind Soldaten wie Zivilisten angekommen, wo man eigentlich nie sein wollte. Denn zwischenzeitlich sahen die Chancen gar nicht so schlecht aus, Russland Paroli zu bieten. Doch nun hat die Realität den Optimismus eingeholt. Experten sind sich zum Gedenken an den Beginn des Überfalls ziemlich einig, dass diese Schlacht wohl kaum noch zugunsten von Kiew ausgehen kann. Hört man sich in den hiesigen Medien um, so dominieren vor allem jene Stimmen auf den Straßen der dortigen Hauptstadt, die durchhalten wollen. Ob sie repräsentativ sind, das scheint eher ungewiss. Schließlich sind die Zahlen erschreckend und grausam. Zweifel werden laut, ob es sich tatsächlich noch lohnt, die Freiheit und Sicherheit im Donbass zu verteidigen, wie es vor allem „der Westen“ von „Blau-Gelb“ zu erwarten scheint.
Fraglich, ob diese Opferzahlen spurlos an der Stimmungslage in der Ukraine vorübergehen…
Rund 200.000 bis 320.000 getötete Militärangehörige Moskaus, auf der Gegenseite etwa 100.000 bis 140.000. Unter der Bevölkerung gibt es etwa 15.200 Leichen, die Zahl der Verwundeten stieg auf 41.400. Trotzdem möchte Selenskyj keinen Zentimeter weichen. Einer Abstimmung stellt er sich nicht, sodass nur gemutmaßt werden kann, wie die Atmosphäre bei den Familien ist, die immer mehr Gefallene beklagen. Nur 29 Prozent sehen die Lage positiv, so berichtet „Ipsos“. Immerhin 40 Prozent wären unter stärksten Sicherheitsgarantien zu Zugeständnissen bereit, verlautbart aus einer „KIS“-Erhebung von diesem Januar. Hierzulande gibt es nur eine nennenswerte Partei, die sich einhellig mit der Wahrheit auseinandersetzt. Das Bündnis von Sahra Wagenknecht hat anlässlich des 24. Februars einen Entschluss verabschiedet. Hierin missbilligt man den völkerrechtswidrigen Akt des Kremls ausdrücklich, vor allem die Angriffe auf humanitäre Ziele. Es wird ein sofortiger, dauerhafter und umfassender Waffenstillstand gefordert, ehrliche Friedensverhandlungen müssten aufgenommen werden.
Man kann das BSW für naiv halten, ihm andererseits aber auch Pragmatismus unterstellen…
Die derzeitige Eskalationslinie will man einfrieren, die Bundesregierung wird aufgefordert, sich nicht länger an militärischen Lieferungen ins Krisengebiet zu beteiligen. Wäre damit der Aufruf zu einer Kapitulation verbunden? Ein altes Sprichwort besagt, dass der Klügere nachgibt. Es ist allzu verständlich, dass wir uns aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit nicht damit abfinden wollen, dass Grenzen auch heute noch mit Gewalt verschoben werden. Doch was bleibt, wenn man sich die Verhältnisse vor Augen führt, als andere Option denn die Bereitschaft, irgendeinen Kompromiss zu finden? Wie lange noch soll das Ideal von geopolitischer Unversehrtheit den Verlust von Menschenleben überwiegen? Ein Gewinnen ist, wenn man nüchtern an die derzeitige Ausgangslage herangeht, die pure Fiktion. Wirklichkeiten sind oftmals schmerzhaft. Doch Wunden können erst dann heilen, wenn sie zur Ruhe gekommen sind. Man kann Maxime weiterhin aufrechterhalten, um sich in die Tasche zu lügen. Abnutzung hätte auch in der Historie oftmals verkürzt werden können, Diplomatie sei Dank.
Ein gesichtswahrender Kompromiss ist keine Schwäche, kein Bankrott, keine Kapitulation…
Nicht jeder Entschluss, sich zu einem Einlenken zu überwinden, muss als kollektive Schwäche, als gemeinschaftlicher Bankrott gewertet werden. Eine Doktrin und Axiome, die über der Vernunft stehen, schmettern umso härter auf dem Boden der Tatsachen auf, je länger sie mit Trugbildern gefüttert werden. Da wird aus den USA und der EU noch so viel Unterstützung fließen können. Der Moment wurde verpasst, zu deutlich günstigeren Bedingungen einen Verhandlungsabschluss zu erzielen. Hierauf deuten mehrere Berichte zu Anfang des großen Knalls hin. Das BSW formulierte entsprechend, dass man sich vor Augen halten müsse, wie aussichtslos ein Kampf der Stellvertreter ist. Die Pikiertheit, nicht zuletzt von Friedrich Merz, torpediere eine Annäherung. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es um Milliarden geht. Wenn unsere Wirtschaft nicht auf anderen Wegen ertüchtigt werden kann, dann offenbar durch strikte Aufrüstung. Man wird sehen, inwieweit das Votum im Osten den Kanzler unter Druck setzt. Denn dort bleibt die Tugend des Pazifismus durchaus wahlentscheidend.








