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Das Spannungsfeld zwischen den Weltanschauungen wird angesichts gesellschaftlicher Spaltung größer

Insbesondere der Kapitalismus und Sozialismus liefern sich eine Schlacht um die Meinungshoheit im Land

In Zeiten einer gesellschaftlichen Spaltung nehmen auch die Gegensätze zwischen den einzelnen Weltanschauungen wieder zu. Vieles spielt sich mittlerweile zwischen Kapitalismus und Sozialismus ab. Zu diesen Entwicklungen der Polarisierung und Demagogie kommentierte der Leiter des Philosophischen Laienarbeitskreises, Dennis Riehle (Konstanz), in einer Stellungnahme jüngst mit folgenden Worten:

Wie bei jeder ideologischen Weltanschauung gibt es natürlich auch beim Kapitalismus die große Gefahr des Exzesses. Wer ihn ins Extreme und Absurde treibt, vernachlässigt den notwendigen Ausgleich zwischen individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Unterstützung. Der Wunsch nach unreguliertem Neoliberalismus, welcher ohne staatliches Eingreifen auskommt, lässt sich letztendlich nur in anarchischen Staatsformen umsetzen. Die Demokratie ist hierfür deshalb nicht geeignet, weil sie den berechtigten Anspruch an den Dialog der widerstreitenden Interessen stellt. Da mag es das Gewinnstreben von Unternehmen oder Einzelpersonen auf der einen Seite sein, dem gegenüber in einem endlichen und begrenzten Miteinander auf einem Kontinent oder in einem Land das Ansinnen steht, schuldloses Schicksal unter dem Gesichtspunkt der Mitmenschlichkeit und Humanität zumindest insoweit zu kompensieren, als dass eine das würdige Bestehen sichernde Solidarität der Bessergestellten gegenüber denjenigen auf der Schattenseite des Lebens geübt wird. Denn solange wir in Gemeinschaften leben und für das Wettmachen eigener Unzulänglichkeiten zuletzt auch auf Fertigkeiten, Engagement und Einsatz anderer zurückgreifen müssen, ist Wohlstand fairerweise teilbar. Anders wäre es, wenn wir außerhalb von Gesellschaft und Kulturen unabhängig und unangewiesen ohne jegliche fremde Hilfe unser Dasein bewältigen würden. Doch das gelingt gerade auf einem glücklicherweise sozialisierten Erdball kaum – auch dann nicht, wenn sich immer mehr Egoisten in ihr Schneckenhaus (heute Bubble genannt) zurückziehen. Gleichsam gilt ebenso, dass unser oftmals mit Klischees und Vorurteilen behaftetes Bild vom Linksseins mittlerweile überholt ist. Denn natürlich gehört es zu einem Verständnis von Wandel, Progressivität und Oppositionismus eindeutig dazu, auch auf das zu hören, was die unzufriedene und rebellierende Gesellschaft der Gegenwart bewegt – und woran die Politik ihrer Meinung nach krankt.

Veränderung bedeutet manchmal eben auch, zu einer Umkehr zum Bewährten bereit zu sein und Regeln oder Konventionen wiederherzustellen, die der Zeitgeist und die „Mode streng getheilt“ haben (vgl. Schillers „Ode an die Freude“). Das Ansinnen des Sozialismus war es ursprünglich, die Rechte von Arbeitnehmern, Arbeitern und Schwachen in der eigenen Gemeinschaft zu stärken. Ungerechtigkeiten auszuräumen und den Exzess der Klassen abzuschaffen, bezog sich vorwiegend auf die Situation im jeweiligen Land. Der Anspruch an Internationalismus bedeutete nicht, grenzenlose Solidarität mit allen Unzufriedenen der Welt zu zeigen. Viel eher war es die Intention des Pazifismus, der völkerverbindend sein sollte, im Geist zu vereinen, sich aber nicht von der Globalisierung geißeln zu lassen. Das Aufspringen auf Trends und Entwicklungen hat ebenso wenig mit den Wurzeln der linken Bewegung etwas zu tun wie die Vorstellung, Fortschritt lasse sich allein mit Überwindung erzielen. Wenngleich sie die Systemfrage gestellt, so war sie doch nie losgelöst von Vernunft und Pragmatismus. Natürlich lebt sie von der Utopie der Gleichheit. Aber sie hat sich gerade aufgrund der Erfahrung des Scheiterns realpolitischer Verwirklichung ihrer Konzepte besonnen, keine Transformation mit der Brechstange erzwingen zu wollen. Linkssein ist zwar verbunden mit der Ideologie, das Miteinander durch den Abbau von Gegensätzen fairer zu machen. Doch es wäre eine falsche Annahme, dabei in Beliebigkeit oder Willkür zu verfallen. Denn eine Anarchie der unendlichen Selbstverwirklichung und Individualität gehört gerade nicht zu ihren Ansinnen. Stattdessen war sie einst ein Verfechter, sich nicht vom Reiz des Mainstream mitreißen zu lassen – sondern einen Kontrapunkt zur identitätspolitischen Wachsamkeit des Gutmenschen zu setzen. Gerade dieser Aufgabe wird die Linke nicht mehr gerecht.

Weitere Informationen auf www.dennis-riehle.de.

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