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Dass sich die Welt ihre Moral nicht mehr vom Westen vorgeben lassen will, ist mehr als verständlich!

Politikberater erwartet große Veränderungen für das internationale Wirtschafts- und Sicherheitsgefüge

Gerade angesichts der aktuellen Konflikte wird deutlich, dass sich große Teile der Weltgemeinschaft die vom Westen immer wieder ausgegebene Moral und Denkweise nicht aufoktroyieren lassen wollen. Deshalb sind die Bestrebungen vom Globalen Süden und Osten zu mehr eigener Souveränität und Machtanspruch nachvollziehbar, erklärt Politikberater Dennis Riehle (Konstanz). Er sagt hierzu wie folgt:

Es wäre naiv gewesen, wenn der Westen dauerhaft geglaubt hätte, dass sich die restliche Erdengemeinschaft seine Übermacht bieten lassen würde. Ich habe viel Verständnis für diejenigen Länder, die in einer durch die USA angeführten Ordnung eine Bedrohung für das Gefüge unserem Globus sehen. Denn gerade Amerika hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder deutlich gemacht, dass es dazu bereit ist, moralisierende und eingreifende Weltpolizei zu spielen – und zu versuchen, in fremden Ländern und Kulturen Werte und Staatsformen aufzuoktroyieren, die aus der Sicht der hiesigen Hemisphäre erstrebenswert sind, deshalb aber nicht für alle Nationen von Interesse oder Passgenauigkeit sein müssen. Die Überheblichkeit der Besserwisserei und der Anspruch, aufgrund der Geschichte oder ökonomischen wie bevölkerungsbedingten Größe automatisch eine Führungseigenschaft zu übernehmen – und damit im Sinne aller Länder zu sprechen, haben den gesamten Mitgliedern der G7 den Vorwurf der Bevormundung und Entmündigung souveräner Staaten eingebracht. Auch wenn es die Wunschvorstellung aus Washington sein mag, dass es auf einem Planeten gemeinsame Spielregeln geben muss, welche ein parteiischer Schiedsrichter im Weißen Haus auch durch die Anwendung von Gewalt und Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer aufzuzwingen bereit ist, verändert sich die Realität glücklicherweise. Gerade wirtschaftlich wollen immer mehr Länder mitreden, welche für die Entwicklung von Lösungsansätzen aufkommender Herausforderungen und zur Bewältigung all unserer Zukunftsaufgaben eine entscheidende Rolle spielen. Teilhabe am Wohlstand und einen Ausgleich für die arrogante westliche Ausbeutung von Ressourcen zu formulieren, sind berechtigte Ansinnen des Südens und Ostens. Unter dem Rückhalt von China und Russland haben diese Erwartungen zusätzliches Gewicht. Deshalb sollten Staatschefs von Nordamerika bis zur EU langsam von ihrem hohen Ross heruntersteigen und sich um den Dialog bemühen – der nicht zuletzt auch in aktuellen Kriegen sträflich vernachlässigt wurde.

Ob man Fanatismus mit Gewalt auslöschen kann, das wage ich zu bezweifeln. Man kann vielleicht versuchen, ihn durch eine Stärkung von liberalen Gegengewichten auszutrocknen. Eskalationsspiralen haben in der Vergangenheit nur selten zu einer Lösung von Kriegen geführt. Wenn man zurückblickt, beginnt der Konflikt in Nahost ehrlicherweise spätestens mit David gegen Goliath – oder dem nahezu gleichzeitigen Anlanden der Philister und Israeliten im Heiligen Land. Sicherlich ist es möglich, Infrastrukturen zu zerstören, die es ermöglichen, hasserfüllten Terror in die Tat umzusetzen. Die Gesinnung lässt sich dadurch aber nicht negieren. Auch wenn derzeit kaum noch jemand von einer Zwei-Staaten-Lösung spricht, scheint dies die einzige Möglichkeit, auch nur in die Nähe von Frieden zu kommen, der nicht viel weiter als über das Mindestmaß an Akzeptanz der Existenz des jeweils anderen hinausgeht. Ernüchternd: Auch im Alten Testament fehlt realistische Aussöhnung. Deshalb kann das Ziel nur darin liegen, jedwede Provokation dadurch zu vermeiden, dass gleichwohl in die DNA vieler indoktrinierter Palästinenser und mancher Ultraorthodoxen eingegriffen werden müsste. Allerdings würde dies nur gelingen, wenn führende gemäßigte Kräfte ans Ruder kommen, die den extremistischen Absolutheitsanspruch der beteiligten Religionen und den damit einhergehenden Expansionsdrang brechen können – damit der Mehrwert des Lebens statt des Tötens ins Bewusstsein der noch erreichbaren Menschen gebracht wird. Dafür braucht es einen Prozess der Säkularisierung und Sozialisation, der beispielsweise beim Christentum bereits weitgehend gelungen ist – und auch im Judentum über weite Strecken funktioniert hat. Der Islam hat bis dahin noch einen weiten Weg vor sich. Denn dort ist die Stimme der Minderheit weiterhin viel zu leise für jedwede Reform und Distanzierung von der Buchstabentreue eigener Schriften. Hoffnung habe ich im Augenblick nicht allzu viel, aber ohne Wunder wäre der Glaube nichts.

Weitere Informationen unter www.dennis-riehle.de.

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