Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Nicht nur Kubicki und Wagenknecht: Der AfD-Brandmauer-Blues ist im Mainstream angekommen“ (aus: „derFreitag“ vom 10.06.2026)
Nun sag‘, wie hast du’s mit der Demokratie? Kaum eine andere Gretchenfrage dürfte die Verfassung der Bundesrepublik aktueller mehr tangieren als dieser Gewissensbiss in Richtung des etablierten Kartells, welchen man von CDU bis Linken empfinden müsste, wäre dort etwas von moralischem Kompass oder ethischem Bewusstsein vorhanden. Doch wer einem sittlich Verantwortungslosen den Spiegel vorhält, wird darin allenfalls das Angesicht von Heuchelei und Ignoranz erblicken können. Denn ein Pharisäer hat keinerlei Konturen.
Ganz anders ist es bei manch einem Charakter, der es sich aktuell nicht leicht macht mit der nationalen Ausnahmesituation, mit der Vertrauenskrise, in welcher wir uns zweifelsohne befinden. Denn wo Polarisierung und Spaltung toben, da braucht es mehr als nur Mut, sondern Fokus und Verlass, sich nicht zwischen den Fronten zerreiben zu lassen. Das BSW war mehrfach in Verruf geraten, hatten sich einige Genossen aus den Ländern in ihre Brombeer- und Feigenkoalition geschmiegt, Mario Voigts KI gehuldigt, bei Dietmar Woidke Abbitte geleistet.
Die Hoffnung bleibt, dass im BSW das Antiestablishment die Oberhand gewinnen möge…
Ganz anders ist offenbar die Jugend unterwegs. Repräsentant Jannik Schleemann hat auch jüngst wiederum in einem Video klar Stellung bezogen. Die Brandmauer existiert nicht mehr, zumindest für jene, die ihre Vernunft über die Versuchung stellen. Schluss mit kindischer Distanz, Bühne frei für den sachinhaltlichen Schlagabtausch. Abstimmungen nicht aus Taktik und Strategie, sondern im Bewusstsein dessen, was die Menschen aktuell brauchen oder erwarten. Eine Kooperation, die nicht bindet, aber dazu verpflichtet, stets neu zu ringen.
Das Konzept der ständigen Erwägung mag jenen zu wenig sein, die auf ideologischen Verlass bauen. Doch gerade Fesseln und Korsett sollte ein Miteinander entbehren, die Tragweite von Entscheidungen vermag der gegenwärtigen Lage nur dann gerecht zu werden, wenn die Zuständigen unbeschwert atmen können. Zwangslosigkeit ist die Devise, aber nicht das völlige Lossprechen von sämtlichem Pflichtgefühl. Es muss vorangehen, so viel steht fest. Zweifler dürften einwenden, das freie Spiel der Kräfte bringe Chaos und Eventualität mit sich.
Schleemann hat mit der Konkurrenz diskutiert, dabei argumentativ stets punkten können…
Doch es ist gerade dieser Kreisratssprecher aus Niedersachsen, der alles andere als den Eindruck mangelnder Ernsthaftigkeit hinterlässt. Er befasst sich intensiv mit seinen Überzeugungen und Antworten, sieht in der Brandmauer kaum mehr als ein Relikt autoritärer Abschottungspolitik. Der AfD auf Augenhöhe zu begeben, davor ekelt sich der Gesundheitsexperte und Schlagzeuger nicht. Stattdessen hat er bereits Duelle mit deren Repräsentanten bestanden, konnte logisch punkten. Ihm geht es um Fakten, Strategien und Lösungen. Er braucht keinen Mindestabstand.
Nieder mit den Pollern, rauf die Debattentische. Wo es dem einfachen Bürger dient, da spricht kein Argument gegen den gemeinsamen Kurs. Ziel ist es langfristig, Überparteilichkeit zu erreichen. Die Karrieristen in den Parlamenten durch Fachkundige aus Alltag, Mitte und Realität zu ersetzen. Eine Regierung zu etablieren, die weniger auf Macht und Pöstchen setzt. Aber sich dem Wohl der Gemeinschaft verschreibt. Bis dorthin soll eine Brücke lauten, von Fall zu Fall zu klären, was möglich, sinnvoll und vertretbar scheint. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.








