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Dennis Riehle beendet ehrenamtliches Engagement in DGZ e.V. und BBuD e.V.

Der Konstanzer Journalist Dennis Riehle hat nach vielen Jahren ehrenamtlicher Funktionen in der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und im Bundesverband Burnout und Depression seine Ämter als Pressereferent, psychosozialer Berater und Beisitzer abgegeben. Er reagiert nach eigenen Aussagen mit diesem Schritt auf eine zunehmende Mentalität des Ausnutzens freiwilligen Engagements: „Ich bin mir am Ende wie der Sekretär für alles vorgekommen, auf den selbst die anderen unentgeltlichen Mitarbeiter die Arbeit abladen konnten. Sie formulierten ihre Wünsche – und ich sollte sie umsetzen. Das widerspricht meinem Verständnis von Augenhöhe in solch einem Miteinander diametral. Deshalb habe ich die Reißleine gezogen“. Und er erklärt weiter: „Nun bin ich seit 26 Jahren bürgerschaftlich engagiert – und kann der Aussage durchaus zustimmen, wonach sich ein Ehrenamt positiv für die Gemeinschaft auswirkt. Immerhin spart der Staat hunderte Millionen durch den Einsatz engagierter Bürger – und nicht zuletzt das Sozialwesen würde massiven Schaden leiden, würden sich nicht Dutzende Prozent der Bevölkerung für eine gute Sachen einsetzen. Doch was ist mit denen, die sich einbringen? Erfahren auch sie heute noch Bestätigung durch ihr Tun – oder wird Ehrenamt nicht eher zunehmend frustran und enttäuschend? Denn trotz aller Jubelrufe auf das freiwillige Wirken will ich deutlich Wasser in den Wein gießen, immerhin hat sich die ehrenamtliche Tätigkeit gerade im vergangenen Jahrzehnt nach meinem Empfinden massiv gewandelt – gleichermaßen nicht nur zum Besten.

Immer öfter wird die Gutmütigkeit und Selbstlosigkeit von Engagierten missbraucht, staatliche Aufgaben an die Ehrenamtlichen zu delegieren. Dass sich die öffentliche Daseinsvorsorge auf Kosten der Freiwilligen stärker denn je zurückzieht und versicherungspflichtige Arbeitsplätze abbaut, diesen Vorwurf muss sich der Sozialstaat schon seit den 1990er-Jahren gefallen lassen. Entsprechende Entwicklungen haben seit geraumer Zeit aber an Dynamik noch zugelegt. Und weil dies so ist, haben auch viele Engagierte ihre Ansprüche nach oben geschraubt: Die Monetarisierung des Ehrenamtes hat an Fahrt gewonnen, mittlerweile konkurrieren sich schon manche Hilfsdienste und Wohlfahrtsverbände darüber, wer die größte Aufwandsentschädigung bezahlt. Doch was hat all das noch mit dem freiwilligen Engagement zu tun, das sich explizit durch Unentgeltlichkeit auszeichnet und allenfalls eine geringfügige Pauschale als Anerkennung für aufgewendete Zeit und Kraft vorsehen sollte?

Gleichermaßen verstehe ich aber auch die, denen die ‚Ehre‘ nicht mehr ausreicht. Denn die Wertschätzung, die ehrenamtliches Engagement über Jahrzehnte erfahren hat, ist rückläufig. Bürger nehmen es als immer mehr als selbstverständlich wahr, dass sich Mitmenschen einbringen und Dienst leisten – das merke ich an meinem Tun täglich neu. Die Erwartungshaltung gegenüber dem freiwilligen Engagement nimmt beständig zu, Ansprüche wachsen. Von Ehrenamtlichen wird heutzutage gefordert, ständig erreichbar zu sein und ihre Arbeit ohne Murren zu verrichten. Der Individualismus der Menschen führt dazu, Engagierte zu vereinnahmen – und auszunutzen. Gerade Menschen, die selbst nicht freiwillig aktiv sind, verwechseln Ehrenamt zunehmend mit bezahlten Jobs, weshalb ich so vehement auf die Abgrenzung dränge.

Ehrenamtliches Engagement ist kein Gemischtwarenladen, in dem sich Hilfebedürftige ohne Respekt gegenüber den freiwillig Tätigen bedienen können. Viel eher bedarf es einer gesetzgeberischen Nachbesserung, um Ehrenamtliche mit mehr Rechten auszustatten. Ja, schon Dichter haben sich mit der Undankbarkeit des Ehrenamts befasst. Gefühlt haben während Corona Auszeichnungen und Würdigungen der öffentlichen Hand gegenüber Engagierten abgenommen. Was pandemiebedingt gut verständlich ist, darf jedoch nicht zur Regel werden. Denn auch wenn mir viele meiner bürgerschaftlichen Aufgaben weiterhin große Freude bereiten, weil sie in erster Linie für mich einen sinnstiftenden Charakter haben und mich erfüllen – ganz unabhängig davon, welche Anerkennung sie erfahren –, überdenke auch ich viele meiner Einsätze. Denn Ehrenamt existiert davon, dass der Leistende einen Beitrag für seinen Selbstwert erfährt.

Ob ein Dankeschön, ein Händedruck oder eine Urkunde: Engagement braucht sichtbare Bestätigung. Und es beansprucht berechtigterweise auch Partizipation. Wenn weder Würdigung stattfindet, noch Teilhabe etwas bewirkt, wird auch fakultatives Einbringen ineffizient. Das Ehrenamt hat an Glanz verloren, dabei bleibt es für das Land unverzichtbar“.

Riehle wird mit seinen eigenen Selbsthilfeinitiativen Ratsuchenden auf weiterhin kostenfrei zur Verfügung stehen und sich mit eigener Öffentlichkeitsarbeit für Entstigmatisierung und Sensibilisierung der Erkrankten einsetzen. Weitere Informationen hierzu auf www.selbsthilfe-riehle.de.

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