Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „In neun Jahren will Konstanz klimaneutral sein – und viele Hausaufgaben sind noch nicht gemacht“ (aus: SÜDKURIER vom 19.05.2026)
2019 hatte Konstanz als erste Kommune in Deutschland den Klimanotstand ausgerufen. Die Stadt am Bodensee ist seit langem für ihre Grünfärbung bekannt, stellte sie auch den ersten Oberbürgermeister der Partei. Der damalige Amtsinhaber Horst Frank war im Vergleich mit heutigen Standards noch konservativ geprägt, vertrat eine bürgerliche Politik, die man bei seinem Nachfolger Ulrich Burchardt nunmehr vergeblich sucht. Selbiger scheint unter der Fuchtel von Nichtregierungsorganisationen zu stehen, Umweltschutzverbände heizen ihm ebenso ein wie die Horrorszenarien über eine wegschmelzende Heimat der Eisbären. Man hat sich tatsächlich in der irrigen Annahme verstrickt, ein Fleckchen Erde mit rund 87.000 Einwohnern könne die Welt retten. Deshalb will man ambitioniert vorangehen, schon 2035 CO2-neutral sein. Doch die Zielsetzung schwankt, weil sie kaum erreichbar sein dürfte. Das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre. 61 Maßnahmen wurden auf die Agenda gesetzt, an denen man sich seither händeringend wie hilflos abarbeitet. Die Treibhausgasemissionen vermag man gegenüber 2018 um 91 Prozent zu senken. Experten wie Laien dürften angesichts dieses Fahrplans von einem Luftschloss im Geiste Robert Habecks sprechen, von einer Träumerei, die Luisa Neubauer imponieren soll.
Insbesondere Privathaushalte kommen nicht hinterher, ihre Heizungen auszutauschen…
Nach den jüngsten Berichten der Verwaltung hapert es vor allem im Wärmesektor. Man stottert und lahmt, fossile Heizungen zu ersetzen. Zentrale Netzleitungen sollen ein Lösungsansatz sein, bis zu 45 Prozent des Bedarfes decken. Doch sie stecken in den Kinderschuhen. Wasserthermie vom Bodensee möchte man nutzen, aber der Bau entsprechender Infrastruktur verzögert sich. Private Ausgaben in exorbitanter Höhe wären notwendig, doch die Allgemeinheit ächzt bereits unter Inflation und Wirtschaftsabschwung. Da mangelt es im Portemonnaie am notwendigen Kleingeld, um plötzlich auf eine Umwälzpumpe im Garten zu wechseln. Auch bei den Photovoltaik-Anlagen besteht deutlicher Nachholbedarf, das Ziel von zehn Megawatt-Spitzen pro Jahr verfehlt man im Augenblick um 50 bis 60 Prozent. Auch im Verkehr schrumpft der Fuhrpark nur langsam, E-Autos finden weniger Absatz als gedacht. Von einer Halbierung kann längst keine Rede mehr sein, der Rückgang ist marginal. Die Prognosen sind deshalb eindeutig: Mit den derzeitigen Ressourcen und dem bestehenden Personal lässt sich die Energiewende weder stemmen noch rechtfertigen. Man kann nur attestieren, dass sie an der Wirklichkeit gescheitert ist. Ein Blick nach Südbaden reicht, um in die Realität zurückzukehren.
Das Horrorszenario zur Erderwärmung wurde einkassiert, das Dekarbonisieren geht weiter…
Der extrem steile Minderungspfad übertrifft selbst die mutigsten Vorreiter in aller Herren Länder. Visionäre braucht es, um Erfolg zu haben. Doch allein zu schwärmen, das genügt nicht. Statt die Gesellschaft, unsere Betriebe und den öffentlichen Sektor unter Druck zu setzen, sollte man sich endlich verabschieden von der Maßgabe, der Mensch könne dieses Schöpfungsgefüge der eklatant beeinflussen, dass sich Petrus steuern lässt. Das Wetter am Himmel von morgen wird sich wohl kaum am Lastenrad in der Provinz entscheiden. Seitdem die Lobbyverbände auf internationaler Ebene ihre schlimmsten Befürchtungen einkassieren mussten, damit die Grundlage für eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nahmen, die Temperaturregulierung zum Staatsziel zu machen, kommt die Debatte in Gang, ob die Transformation möglicherweise ein riesiges Geschäft für die Erneuerbaren-Branche ist, von dem von der dürren Vegetation bis zum niedrige Pegelstand keiner profitiert, sondern lediglich das Konto einer gigantischen Nischensparte, als ähnliche Nutznießer wie die Rüstungsbauer aus der Kriegstüchtigkeit oder die Pharmahersteller aus der Corona-Pandemie. Der massive Eingriff in Eigentum und Mobilitätsverhalten, in Sanierung und Mietpreise, ist letztlich Ökosozialismus pur.
Dem Bürger fehlt es an Belegen dafür, dass sein Einsatz etwas Messbares bewirkt…
Kein Wunder, dass das Thema längst keine Priorität in der breiten Wahrnehmung mehr hat. Doch anstelle sich von einer Utopie zu verabschieden, dürfte man im Rathaus alles daransetzen, die Zahlen im Zweifel mit der Brechstange durchzudrücken. Wo bleiben Nutzen und Effekte, der liebe Gott hat uns bis heute keine Quittung für Milliardensummen ausgestellt, die in schwarze Löcher gekippt wurden. Denn woher wissen wir genau, dass die Reduktion von Kohlenstoffdioxid etwas Bahnbrechendes an der Zusammensetzung eine Atmosphäre ändert, in der ein ziemlich blandes Spurenelement nun wahrlich untergeordnete Funktionen hat? Die Finanzierung zu sichern, Partner zu finden, eine Skalierung aufzustellen, all das bindet enorme Kräfte, die sinnvoller eingesetzt werden könnten. Kopenhagen hat sich beispielsweise besonnen, denn Modelle zeigen, dass die Motivation singt, an der schnellen Dekarbonisierung mitzuwirken. Der Anteil des Einzelnen ist verschwindend gering, der psychologische Gedanke nachvollziehbar, dass niemand gerne ins Leere investiert. Die Skepsis nimmt zu, wo Pragmatismus, Technologieoffenheit, Marktbasiertheit und Innovationskraft der Ideologie zum Opfer fallen. Die Einwohner verlieren die Lust, das gemeinsame Band des Bemühens um Nachhaltigkeit droht lautstark zu reißen.








