Wir, uns, die Guten: Moralaffektive Selbstdarstellung auf der „richtigen“ Seite der Geschichte führte schon in Weimar zum Verderben!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Missverständnis, Freiheit als Besitz zu denken: Grünen-Chefin Brantner will neuen Liberalismus“ (aus: „NiUS“ vom 01.06.2026)

Wer in der Schule nach dem Personalpronomen der 1. Person Plural im Dativ oder Akkusativ gefragt wurde, antwortete im besten Fall mit „uns“. Doch wer hätte gedacht, dass drei Buchstaben in unterschiedlicher Abwandlung im Jahr 2026 eine ganze Republik spalten können. Unsere Demokratie, unsere Gesellschaft, unsere Zukunft. Das klassische Stilmittel aus Rhetorik und Psychologie signalisiert Zugehörigkeit, moralische Einheit und Gruppenbildung. Es soll Handeln im Namen einer kollektiven Identität legitimieren, besonders lautstarke Sprecher verstehen sich als Anhänger des authentischen Kollektivs, implizieren dabei nicht nur das Abweichen, das Nichtdazugehören, sondern die vermeintliche Bedrohung des Systems. Grünen-Politikerin Franziska Brantner möchte einen neuen Liberalismus, den sie unter das Motto stellt: „Frei sind wir nur im Wir“. Der Kernmechanismus dahinter führt zur eigenen Überhöhung und zur Abwertung des Gegners. Im Resultat entsteht das „Ingroup-Bias“, also die herausragende Zuschreibung von vernünftigen Charaktereigenschaften für sich selbst.

Das Feindbild in der AfD und die Brandmauer gegen das Böse markieren eine Zäsur!

Man sieht sich als empathisch, innovativ und motiviert, etikettiert den Widersacher als rückständig, egoistisch und gefährlich. Dabei merkt kaum jemand, wie schnell man im Glashaus den Stein in der Hand hat. Diese affektive Polarisierung führt zu weit mehr als inhaltlichen Meinungsunterschieden, nämlich zu einer emotionalen Geringschätzung des Anderen. Liebe für jene, die man kennt. Hass für alle, von denen man sich entfremdet hat. Die Positionierung als Hüter universaler Werte, als Schützer des Klimas, als Verteidiger des Antirassismus, als Fürsprecher der Geschlechter. Kritik daran wird automatisch als unethisch diskreditiert. Trügerisch bei der gesamten Sache: Schon früher fanden sich jene, die angeblich auf der richtigen Seite der Geschichte standen, als ideologisch Verirrte wieder. Denn in der Nachschau wird noch einmal gewürfelt, plötzlich drehen sich die Vorzeichen. Kompromisse abzulehnen, den Dialog zu fürchten, das hat schon öfter dazu geführt, einen revolutionären Nährboden zu erschaffen. Das Verweilen in der kognitiven Dissonanz weckt Widersprüche.

Ohne Dissonanz im Denken und Widerspruch im Argumentieren wäre links längst tot…

Ohne Doppelzüngigkeit und zweierlei Maßstäbe lässt es sich kaum auskommen, man muss sich die Welt im Zweifel so drehen, wie sie nur der eigenen Perspektive gefällt. Da bildet man Koalitionen, demonstriert Hybris im übelsten Sinn. Ideale werden gegeneinander ausgespielt, Ökologie und Ökonomie, Freiheit und Sicherheit, Vielfalt und Abschottung. Die Debattenkultur rauscht dadurch gen Nulllinie, denn für die Argumente des Feindes erweist man sich als prinzipiell unerreichbar. Da zementiert sich ein Graben, den man allenfalls mit Ignoranz zuschütten könnte. Doch dann brodelt es unter der Oberfläche, die Stimmung im Lande ist bereits mehr als aufgeheizt. Familien und Freundeskreise gehen auf Abstand, sogar im individuellen Umfeld bilden sich homogene Blasen aus. Misstrauen bis Extremismus sind die Konsequenz, im schlimmsten Fall reichen sie bis zur Gewalt. Und das alles nur wegen Besserwisserei und Rechthaberei, die schon in der Historie zu riskanten Manövern beigetragen hat. Man erinnere sich an die Teilung in Ost und West, aber auch an Weimarer Verhältnisse.

In der moralischen Hybris liegt der Nährboden für eine Rebellion der Unterdrückten…

Brandmauern führen bis zur Unregierbarkeit, Katastrophen in der Vergangenheit gingen nicht selten von denen aus, die sich als unantastbar wähnten. Die Fragmentierung zwischen dem Etablierten und der AfD, zwischen urban-progressiv und ländlich-konservativ, zwischen Kopfnickern und Skeptikern nimmt ihren Lauf. Für gewöhnlich sind linksalternative Milieus erheblich affektiver entzweit, dort steigt das Potenzial der Radikalisierung schneller. Und die Mittel werden despotischer, vom Angriff auf Wahlkämpfer über Drohungen gegen Abgeordnete, Zerstörungswut auf das Eigentum, Manipulation der Infrastruktur, Verbotsforderungen, Parteitagsboykott, Straßensperren bis zu Zensur, Ausgrenzung oder Kartellbildung. Hier werden Unsicherheit und Statusbedürfnisse kompensiert, innere Konflikte und Abwehrmechanismen unter einen Hut gebracht. Das Gefühl von Minderwertigkeit, Sinnverlust oder der Angst vor Komplexität sind eigentlich bemitleidenswert. Doch Schwarz-Weiß-Denken, Rigidität und geringe Toleranz für Nuancen können nicht hingenommen werden, sie zerstören ein Volk.