Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Coronakommission – Eklat im Bundestag: CDU-Politiker stellt Gutachter der AfD bloß“ (aus: „stern“ vom 24.04.2026)
Wie tief kann man moralisch sinken? Der CDU-Abgeordnete Axel Müller hat diese Frage mit „Ja“ beantwortet. In der Sitzung der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages am 24. April 2026 war Stephan Kohn als Sachverständiger der AfD geladen. Der ehemalige Oberregierungsrat im Bundesinnenministerium hatte 2020 einen internen Bericht durchgestochen, in welchem er die Pandemie-Maßnahmen kritisierte und von einem „Fehlalarm“ sprach. Hierauf vom Christdemokraten angesprochen, entwickelte sich das Gespräch zunächst sachlich. Es ging um den Eindruck möglicher Vertuschung der Verantwortlichen, damals, als viele Entscheidungen gegen die Freiheit und für Einschränkungen der Grundrechte fielen. Der Politologe war zuständig in seinem Referat, musste sich allerdings plötzlich einem Schwenk des Mandatars ausgesetzt sehen, der nicht nur weit unter die Gürtellinie ging, sondern an Niederträchtigkeit und Widerwärtigkeit kaum zu überbieten war. Der Volksvertreter aus dem Wahlkreis Ravensburg brachte die persönliche Missbrauchserfahrung des Experten in Kindheit und Jugend zur Sprache, die zwar lange bekannt ist und öffentlich diskutiert wurde, aber in solch einem Rahmen nichts zu suchen hat.
Beeindruckend souverän, wie Stephan Kohn auf die widerwärtige Unterstellung reagierte…
Was 40 Jahre zurückliegt, soll plötzlich Motiv und Argumentation darstellen, warum sich ein Mann während einer gesellschaftlichen Notlage dazu veranlasst sah, für Wahrheit, Skepsis und Aufklärung einzutreten. Müller hat nicht nur Grenzen überschritten, rhetorisch in ein Urinal gegriffen. Mit seiner Suggestion, die vor Dekaden erlebte Schädigung im Rahmen des Ahrensburger Skandals um sexuelle Gewalterfahrung in der evangelischen Kirche habe irgendetwas damit zu tun, sich kritisch gegenüber einer offiziellen Haltung zu geben, wegen eines Virus ganze Bevölkerungsteile auszugrenzen, die sich nicht impfen lassen wollten oder Zweifel anmeldeten, ob all das verhältnismäßig gewesen ist, was an Gängelung der Allgemeinheit veranlasst wurde, begab sich ein Vorsitzender Richter a.D. in die Untiefen menschlicher Charakterlichkeit. Im Raum kam es zu Aufruhr, Anwesende waren empört. Kohn selbst blieb auffallend gelassen. Er erkannte völlig zurecht einen „durchschaubaren Versuch, meine Kompetenz zu hinterfragen“. Seine Erwiderung konnte auch inhaltlich überzeugen: Wer schwere Schicksalsschläge erlebt habe, werde „robust und resilient“ gegenüber Druck, sich „stromlinienförmig anzupassen“.
Das typische Ad-hominem-Mittel: Ablenken, diskreditieren, eigene Blöße zeigen…
Da war es das Opfer, welches Contenance wahrte. Hingegen ist nun ein Leumund desjenigen zerstört, der sich dazu durchrang, auf die persönliche Ebene abzudriften. Das strategische Bemühen der Diskreditierung ging nach hinten los. Die Glaubwürdigkeit eines Zeugen durch dessen einstige Leidensgeschichte zu untergraben, ist als klassisches Ad-hominem-Mittel nicht nur respektlos und billig, sondern entlarvt eine Persönlichkeit, die offenbar zu emotionaler und ideologischer Überhitzung neigt. Ein schwerwiegender Fehltritt, der darüber hinaus strategisch unklug war. In einer öffentlichen und protokollierten Atmosphäre private Traumata anzusprechen, um einen Sachverständigen zu pathologisieren, bleibt amateurhaft und kontraproduktiv. Man kann nur den Kopf schütteln, wie eine solche Entgleisung passieren kann. Die Unionsfraktion hat nunmehr ein Rechtfertigungsproblem. Deren Obfrau entschuldigte sich im Nachhinein für das Auftreten ihres Mitglieds. Normalerweise hätte es auch gar nicht so weit kommen dürfen, die Sitzungsleiterin griff deutlich zu spät ein, als Müller abdriftete. Nicht nur in Sachen fachlicher Überlegenheit ging der Punkt an Kohn. Das Wühlen in einer Biografie hat Konsequenzen.
Die Unionsfraktion nimmt aus dem Skandal einen beträchtlichen Imageschaden mit…
Isoliert stand plötzlich jener da, der seine argumentative Hilflosigkeit offenbarte. Zwar ruderte der 62-Jährige mittlerweile teilweise zurück, wirkliche Reue ließ er jedoch nicht erkennen. Es sei „nicht der richtige Ort“ gewesen, um solche Intimitäten zu thematisieren. Nein, werter Herr Müller, Sie haben einen Mindeststandard zivilisierter Debatte verlassen. Egal, in welchem Umfeld eine solche inakzeptable Instrumentalisierung von seelischer Verwundung stattgefunden hätte. Ihre Reputation liegt am Boden, man möge Sie ausgrenzen und brandmarken. Denn Sie erweisen sich als völlig uneinsichtig, haben noch einmal unterstrichen, dass Sie Ihre Gangart eigentlich für richtig halten. Sie können es nicht akzeptieren, dass während Corona Abwägungen getroffen wurden, die außerhalb jeder Angemessenheit lagen. Ihnen fehlt es an Begründung und Beweisen, warum Bedenkenträger auf dem Holzweg waren. Möglicherweise kaschieren Sie mit Ihrer Wortgewalt unterschwellige Skrupel, denn es handelten unter anderem Bundeskanzlerin und Gesundheitsminister Ihrer Partei, als der Staat Schikanen gegen sogenannte „Querdenker“ forcierte. Ihren Anstand haben Sie wohl in der Kinderstube zurückgelassen. Wie erbärmlich!








