Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Lokales > Landkreis Verden: Das BSW tritt erstmals zur Stadtratswahl an und ist gegen ‚Achim-West'“ (aus: „Kreiszeitung“ vom 15.04.2026)
Biografien beeindrucken besonders dann, wenn sie Parallelen zur eigenen Lebensgeschichte offenbaren. Ich stand politisch nicht immer dort, wo man mich heute findet. Oftmals habe ich meinen Standort neu bestimmt, weil sich auch Parteien verändern. Da können sogar loyale Köpfe manchmal kaum noch mitgehen. Entsprechend ging es wohl auch Finn Steffens. Ursprünglich initiierte er die „Grüne Jugend“ bei sich vor Ort mit, war ein Verfechter von „Fridays For Future“. Er macht keinen Hehl aus einer dezidiert linken Perspektive. Doch er paart sie nun mit Verstand und Weitsicht. Unter anderem aufgrund der konfrontativen Außenpolitik waren ihm die einstigen Heimathäfen fremd geworden, er machte sich also auf zu anderen Ufern. Im BSW fand er schließlich Platz, vor Anker zu gehen. Dort tritt er als Spitzenkandidat bei der Stadtratswahl in Achim an. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jannik Schleemann will er im September Überzeugte wie Unentschlossene an die Urnen rufen, präsentiert sich hierfür engagiert in den sozialen Medien.
Der Kursschwenk macht Steffens nicht weniger glaubwürdig, sondern authentischer…
Man könnte ihn als klassischen Seitenwechsler bezeichnen, obwohl er in das typische Schema zweier Pole längst nicht passt. Schließlich denkt der Eisenbahner-Azubi über die Lager hinweg, machte jüngst in einem Video noch einmal deutlich, dass er keine Berührungsängste zu all seinen Wettbewerbern hat. Sollten es die Inhalte zulassen, kann sich der Niedersachse auch punktuelle Abstimmungen mit der AfD vorstellen. Ganz im Einklang mit Sahra Wagenknecht, fordert er ein Ende der Brandmauer, will auf Sachthemen setzen, weniger auf Befindlichkeiten. Er praktiziert den Parlamentarismus im ursprünglichen Sinn, macht keinen Hehl aus seiner nüchternen wie vernünftigen Warte. Damals noch dem Klimaaktivismus zugewandt, hat ihn vor allem ein Buch der schillernden Galionsfigur seiner Bewegung beeindruckt. Die Selbstgerechtigkeit des etablierten Systems ist dem charakterstarken Kopf ein Dorn im Auge. Er will hierzu einen Gegenpol bilden, hat sich deshalb aus ideologischer Starre und reflexartiger Voreingenommenheit gelöst.
Die Zukunft liegt in den Händen derer, die Brandmauern und Schemata überwinden…
An vorderster Stelle seiner Programmatik steht die Sehnsucht nach Frieden. Die Spirale des Dauerkrieges rufe nach einem Abbruch, Diplomatie und Verhandlungen statt Waffenlieferungen oder Aufrüstung sind das Credo. Steffens benennt Verantwortliche ohne Umschweife, lässt auch kein gutes Haar an Putin. Trotzdem sei eine militärische Entscheidung unwahrscheinlich geworden, der Konflikt mit der Ukraine brauche einen harten Schnitt. In Sachen Wirtschaft sind die Positionen des Experten für Web- und Grafikdesign ebenfalls unverhohlen deutlich. Arbeit solle sich wieder lohnen, der Bevölkerung möge die Abstiegsangst genommen werden, insbesondere mit der Zusage einer sicheren Rente. Nachhaltigkeit treibt den Oldtimer-Fan noch immer an. Doch er sieht vor allem die Konzerne in der Pflicht, nicht den einzelnen Verbraucher. In Sachen Migration sind Menschlichkeit und Ordnung für ihn untrennbar. Abschiebung müsse würdevoll, aber konsequent vollzogen werden. Asylverfahren seien eine Sache für die EU-Außengrenzen.
Da gibt es Nischen: Der Linkspatriotismus ist bislang ein völlig unterbewertetes Phänomen!
In den Schulen solle Pazifismus gelehrt werden, nicht etwa die Bundeswehr für sich werben können. Statt in Munition und Panzer zu investieren, sei das Geld in der Sanierung von maroden Bildungseinrichtungen besser aufgehoben. Kommunal verankert, sind der Lärmschutz für die Allgemeinheit, Verkehrslenkung in den Gemeinden sowie Transparenz in Planverfahren erstrebenswerte Ziele für den Besitzer von zwei Simson-Mopeds. Stilistisch tritt er gelassen, aber provokant auf. Sachlichkeit zählt für ihn mehr als Lautstärke. Entsprechend dialogisch erweist sich sein Profil in der Virtualität. Steffens appelliert wiederkehrend, den Wahnsinn globaler Gewalt und den Irrwitz der momentanen Koalition zu stoppen. Er verwickelt sich allzu gerne, doch stets konstruktiv in Debatten von Followern und Unbekannten. Nahbar und jugendlich, verbindlich und einladend sind das Wesen. Kampagnenartig und professionell die Erscheinung im Digitalen. Hier lebt jemand die Demokratie, ohne Scheuklappen, aber mit sehr viel Mut zum Meinungsaustausch.








