Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Wal-Rettung in der Ostsee: ‚Ich bin selber Tierhalter und mit Walen ziemlich gut vertraut‘, sagt Backhaus“ (aus: WELT vom 28.04.2026)
Mitte März 2026 war in der Ostsee ein Buckelwal gestrandet. Das Tier hatte sich vor der Insel Poel festgesetzt, fand aus eigener Kraft nicht zurück ins weite Meer. Kurz darauf begann eine geschichtlich einmalige Rettungsaktion, die seither Deutschland in Atem hält. Zentraler Protagonist in der ganzen Geschichte ist der Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus. Der SPD-Politiker engagiert sich prominent, hofft offenbar auf Zuspruch von Naturschützern, auch bei der anstehenden Landtagswahl. Denn in den Umfragen liegen die Sozialdemokraten derzeit klar hinter der AfD. Sie trennen acht bis vierzehn Prozent, je nach Meinungsforschungsinstitut. Kam da also ein Großereignis gerade recht, das zur Inszenierung als Held der Säuger herhalten kann? Man muss sich mit ein wenig Abstand ohnehin fragen, ob die Prioritäten in diesem Land verrutscht sind. Da berichten Boulevardblätter, aber auch ernsthafte Medien in Eilmeldungen von jedem weiteren Schritt, den eine kuriose Gruppe an Esoterikern, Rechten und Querdenkern unternimmt, um gemeinsam mit Tierärzten und Ehrenamtlichen ein ungeahnt teures Manöver zu starten, das man guten Gewissens als anmaßenden und hybriden Eingriff in die Schöpfung werten kann.
Ein Meeressäuger wird für Wahlkampf, Selbstprofilierung und Werbezwecke missbraucht…
Der Mensch erhebt sich, manipuliert evolutionäre Prozesse, weil er damit nicht etwa „Timmy“ helfen möchte, sondern vor allem das Ich ins Rampenlicht stellen will. Ähnlich dürfte es auch beim 67-Jährigen sein, der in der bisherigen Legislatur nicht durch herausragende Leistung aufgefallen war. Nunmehr erzeugen Bilder, die über den Äther in die Republik geschickt werden, den Eindruck von Emotionen, Mitgefühl und Aufmerksamkeit. In den Küstenregionen ziehen lokale Themen besonders gut, hier kann man sich profilieren. Hätte die Alternative für Deutschland also ebenfalls einen prominenten Walflüsterer schicken sollen? Oder ist die Szenerie des Machers trügerisch, der sich Tag und Nacht einbringt, damit unter Beweis stellen möchte, dass er rund um die Uhr für den hehren Zweck im Einsatz bleibt? Natürlich könnte ein positiver Ausgang des Geschehens kurzzeitig manche Schramme polieren, für einen langfristigen Erfolg dürfte es nicht reichen, solange man ansonsten programmatisch flach auf der Brust daherkommt. Immerhin könnte der Schuss auch nach hinten losgehen, zum Rohrkrepierer werden, ist am Ende außer Spesen nichts gewesen.
Eigentlich stapeln sich die Aufgaben im Büro des Umwelt- und Landwirtschaftsministers…
Kritische Beobachter sehen ein willkommenes Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen, vor denen der Nordosten steht. Die stotternde Wirtschaft allen voran, aber auch die spürbaren Auswirkungen der ungezügelten Migration, die kletternden Energiekosten, die fehlende Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, Lehrermangel an den Schulen, marode Haushalte der Kommunen. Und auch in seinem Fachbereich gibt es diverse Baustellen für Backhaus. Unzureichende Planungssicherheit für Bauern, rückläufige Erzeugerpreise, immer neue Vorgaben der Behörden, eine Stagnation im Ausbau der Nutztierstrategie, der Umgang mit dem Wolf, Verordnungen zu Düngung und Nitrat, die Wiederverwässerung von Mooren, die Reduzierung von Nährstoffeinträgen, die Artenvielfalt an der Ostsee, Biosphärenreservate, Bodenschutz, Abfall- und Kreislaufwirtschaft, Fachkräftemangel in der Peripherie, demografischer Wandel, Betriebsnachfolgen, unzureichende Infrastruktur in dünn besiedelten Randgebieten, die Förderung von Tourismusverträglichkeit, das Kümmern um die Fischerei, das Veterinärwesen und die Lebensmittelüberwachung.
Egal, ob Timmy überlebt oder nicht, die SPD wird allenfalls kurzfristig vom Hype profitieren…
Geboten wird aktuell Darstellung und Show, nicht allerdings Fachwissen und Kompetenz. Ökonomische und ökologische Irrelevanz kann man sich dort nicht leisten, wo eine wichtige Wählergruppe Missmanagement oder Konflikte mit Bauernverbänden besonders schwerwiegend in ihre Entscheidung einfließen lassen, wem sie ihr Stimmkreuz gibt. Entbürokratisierung statt Symbolpolitik, der Fokus auf die Kernherausforderungen wäre für die Menschen vor Ort wichtiger als das Sprungbrett eines Wals, der Mittel zum Zweck wird. Pluspunkte in Sympathie und Bekanntheit allein werden nicht genügen, der deutliche Rückstand auf die „Blauen“ lässt sich wohl kaum dadurch beheben, dass ein Einzelereignis über die Versäumnisse von Jahren hinwegtäuscht. Das Image aufhübschen, um zu kaschieren, wie argumentativ blank man eigentlich ist, wird ein politisch Verantwortlicher exemplarisch darauf angesprochen, warum er nichts unternimmt gegen die Gängelung durch EU und Berlin, die die Agrarszene auf die Barrikaden treibt. Nur ein Beispiel von vielen, wo der Schein der Selbstaufopferung das Sein verpasster Chancen trübt.








