Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Bittere Abrechnung: Zaklin Nastic verlässt das Bündnis Sahra Wagenknecht“ (aus: „Berliner Zeitung“ vom 31.03.2026)
Man kann es durchaus als ein politisches Erdbeben bezeichnen, was sich jüngst im BSW abspielt. Da rumort es seit einiger Zeit, die Wahlergebnisse sind teils desaströs, man kommt in den Umfragen kaum noch von der Stelle. Und so schlug Ende März die Meldung ein wie jene unerwartete Bombe, dass eine der Gründungsfiguren von Bord geht. Żaklin Nastić teilte in einem offenen Brief ihren Austritt mit. Überschrieben mit dem Titel „In Hamburg sagt man: Tschüss“, formulierte sie einen Rundumschlag, der es in sich hat. Und sie markiert eine weitere Zäsur, nachdem es bereits in zahlreichen Landesverbänden zu Verwerfungen gekommen war. Nunmehr verliert das Bündnis ein prägendes Gesicht von der Elbe, sollte möglicherweise genau hinhören, was Motivation und Beweggründe sind. Die 46-jährige richtet ihre wesentlichen Vorwürfe in Richtung der Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali, die für eine desaströse Außenerscheinung stehe, für eine miserable Wirkung in den sozialen Medien. Außerdem habe sie sich zu einer „grandiosen Strippenzieherin“ aufgespielt, die eine „Lizenz zur Einlasskontrolle“ besitze, einen „Machtzirkel“ geschaffen habe.
Das große Problem sei die mediale Anbiederung um des Einflusses willen, sagt Nastić…
Den Verlagskonzernen der Republik biedere man sich an. Dabei habe sie einst die Linke verlassen, weil sie gerade keine „Katzenbuckelei“ betreiben wolle. Es mangele darüber hinaus auch weiterhin an einer dezidiert friedenspolitischen Agenda, erfahrene Antiimperialisten habe man deshalb nicht aufgenommen, weil sie der AfD zu nahe stünden. Explizit moniert sie die noch immer bestehende Brandmauer, sie selbst wolle sich keinen Kontaktsperren hingeben. Stattdessen müsse es eine punktuelle und pragmatische Zusammenarbeit bei Themen geben, in denen man übereinstimmt. In Brandenburg und Thüringen habe man sich Verhandlungen verweigert, stattdessen die Partnerschaft mit extremen Aufrüstern aus SPD und CDU gesucht. Intrigen und Mauscheleien seien schlimmer als je zuvor, man wiederhole sämtliche Fehler, die auch schon von Grünen und Genossen begangen wurden. Während es Tino Chrupalla schaffe, ausdrücklich den Abzug der US-Truppen aus Deutschland zu fordern, laviere das BSW in dieser Frage. Es brauche eine breite Allianz derjenigen, die sich für ehrlichen Pazifismus stark machen, fernab von ideologischen Scheuklappen.
Der Vorstand ist sich keiner Schuld bewusst, obwohl die Wahlergebnisse wachrütteln sollten!
Die Gescholtenen reagierten mit Unverständnis, wiesen die Vorwürfe als „konfus“ zurück. Andere Stimmen, wie jene von Alexander Ulrich, bedauern die Entscheidung von Nastić ausdrücklich, geben einen ungerechten Umgang mit ihrer Person zu bedenken. Dass sie sich stets als eine zweifelnde Linke sah, die viele Sympathien für das Denken von Sahra Wagenknecht entwickeln konnte, wurde ihr möglicherweise unter den neuen Vorsitzenden zum Verhängnis. Momentan droht die Richtungsentscheidung das Bündnis zu zerreißen. Hierbei geht es auch um die Frage, ob man jene integrieren möchte, die sich – wie die frühere Angehörigenpflegerin – als sozial und patriotisch gleichermaßen geben, ablehnend gegenüber der NATO-Osterweiterung auftreten, pauschalen Russenhass bemängeln, die einseitige Unterstützung der Ukraine. Die gebürtige Polin wendet sich gegen den Verbotsfetischismus der Woken, sie setzt sich ein für Meinungsfreiheit und eine ehrliche Aufarbeitung von Corona. Sie fordert zudem Konsequenzen nach dem Sabotageakt gegen „Nord-Stream-2“. Hinsichtlich der Migration weist sie die damalige Agenda von Merkel scharf zurück.
Die Konsequenz für die Partei sollte klar sein: Weniger Linken-Kopie, mehr BSW-Original…
Ihr geht es um Rechtsstaatlichkeit und Ordnung, sie will ein Miteinander zwischen Arbeitern und kleineren Unternehmen aufbauen, um die Stellung der Rüstungsindustrie zu erschüttern. Sie wirbt für gute Löhne, faire Beschäftigungsbedingungen. Vor allem für mehr Autonomie, Neutralität und Unabhängigkeit Deutschlands im internationalen Gefüge. Es brauche eine vernunftorientierte Kooperation mit all jenen, die diese Ziele teilten. Eine außerparlamentarische Bewegung, die explizit auch die „Blauen“ einschließen könnte. Ob sie selbst zur AfD wechselt, ließ Nastić offen. Sie müsse sich erst einmal „von den Traumata“ erholen, werde aber sicherlich nicht unpolitisch bleiben. Auf den Marktplätzen und Straßen, in der Virtualität, in Kunst und Wissenschaft will sie Präsenz zeigen, mit Herzblut überzeugen. Ihr Abgang bedeutet für das BSW vor allem einen weiteren Schuss vor den Bug. Will man sich auch künftig an das etablierte System anpassen, damit auch den Status von Alternative und Option verlieren? Oder löst man sich aus der Gefangenschaft, Teil eines verkrusteten Ganzen zu sein, wird unverwechselbares Original denn eine bloße Kopie?








