Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Unruhe im Berliner BSW: Kandidatur von Wagenknecht-Vertrautem sorgt für Debatten“ (aus: „Tagesspiegel“ vom 24.01.2026)
In Deutschland scheint sich eine Stimmung aufgetan zu haben, die polarisierter nicht sein könnte. Da stehen sich vermeintlich Pole gegenüber. Die selbsternannten „Guten“ auf der einen Seite, also ein sich immer wieder wechselweise des Demokratischen versicherndes Kartell von Union bis hin zu den Linken. Und die AfD auf der anderen Seite. Doch geht es bei den anstehenden Wahlen tatsächlich um das „Entweder, oder“ zwischen diesen beiden Möglichkeiten? Mit der FDP wird man kaum noch rechnen können, im Osten ist sie längst in die Nähe der „Sonstigen“ in den Umfragen abgerutscht. Und auch im Stammland Baden-Württemberg dürften die Liberalen vor einem Scherbenhaufen stehen, wenn am 8. März gewählt wird. Bleibt für die Fragenden, Enttäuschten, Unzufriedenen tatsächlich nur das Etablierte, alternativ das „Blaue“? Oder wie steht es um weitere Konkurrenten, explizit das BSW? Viele journalistische Kollegen haben das Bündnis von Sahra Wagenknecht abgeschrieben, seit man in Brandenburg für den Koalitionsbruch schuldig gemacht wird. Es mangele an Regierungsfähigkeit, so vermelden pikierte Medien. Dabei war es doch die SPD, die ihren Partner entkernen und bis zur Unkenntlichkeit verbiegen wollte. Diesem Versuch hat man sich widersetzt, das eigene Profil bewahrt. Nicht nur bei der Rundfunkreform blieb man standhaft.
Wer sich der Versuchung entzieht, Posten über Ideen zu stellen, hat Respekt verdient…
Für ein derartiges Rückgrat sollte es eigentlich Applaus geben, denn wie selten kommt es heutzutage vor, couragiert für die Sache zu kämpfen, statt sich um Karriere und Pöstchen an die Erwartungshaltung des Gegenübers anzupassen. Und so bin ich überzeugt, dass das junge Projekt keinesfalls unter ferner liefen laufen wird, sondern seine eigentliche Blütezeit noch vor sich hat. Diese Erkenntnis begründe ich vor allem auch mit den zahlreichen Alleinstellungsmerkmalen. Denn man gibt sich sehr viel Mühe, einen krassen Gegenpol zur einstigen Heimat zu bilden. Nicht nur Heidi Reichinnek nehmen die Orange-Violetten auf die Schippe. Insbesondere die Wokisierung, die aus Verfechtern von Gerechtigkeit, Pazifismus oder Ökologie den politischen Arm von NGOs gemacht hat, stellt man an den Pranger. Da gehen viele hart ins Gericht mit jenen Kräften, denen sie möglicherweise ihren Aufstieg zu verdanken haben. Doch spätestens mit Jan van Aken und Ines Schwerdtner hat die Ideologie gesiegt, wurde sämtliche Vernunft über Bord geworfen. Man fordert nicht mehr Abrüstung und Diplomatie, stattdessen Sternchen, Doppelpunkte und Unterstriche. Von der Lebensrealität der Allgemeinheit haben sich die Realsozialisten ebenso entfernt wie von jenem BSW, das die Kurve der Erkenntnis gekriegt hat.
Das Alleinstellungsmerkmal liegt im ehrlichen Brückenbau zwischen links und konservativ…
Es ist ein lagerübergreifendes Vorhaben, was vor noch nicht allzu langer Zeit angestoßen wurde, als man sich zur Abspaltung entschied, um Pragmatismus in die Politik zurückzubringen. Nachhaltigkeit ohne Zwang, Wende ohne Verbote, Selbstbestimmung im Rahmen, Migration mit Bedacht. Weniger Populismus, dafür mehr Weitsicht. Veränderung für die Menschen, nicht für das Klientel. Beim BSW könnte der Groschen gefallen sein, weil man es nicht auf die Fleischtöpfe abgesehen hat, sondern auf Authentizität. Das haben die Ereignisse in Potsdam gezeigt, sie zeichnen ein Bild, dem Stöckchen der Sozialdemokraten entfleucht zu sein. Alles oder nichts, so lautete die Abwägung. Man entschied sich gegen Diäten und Ämter, für das Ideal. Nunmehr ist man ungebunden, kann die Unterschiede deutlich machen, worin man sich abhebt. Als konsequente Friedenspartei, als Verteidiger der Meinungsfreiheit, als Begrenzer der Zuwanderung, als Rächer für die Solidarität mit den Armen und Schwachen in unserer hiesigen Bevölkerung. So formuliert es beispielsweise der Berliner Kommunalpolitiker Robert Meier auf X zusammenfassend, selbstbewusst, aber ohne Allüren. Unterstützt wird er beispielsweise von Jannik Schleemann aus Niedersachsen, der kluge Investitionen statt endlose Schuldenorgien fordert.
Das BSW fährt einen selbstbestimmten wie souveränen Kurs mit Blick auf die Außenpolitik…
Mit Blick auf die Außenpolitik zählt er auf, wo – überall auf dem Globus – die USA intervenierten. Von Venezuela über den Irak, Afghanistan bis hin zu Grönland. Das BSW hält nichts vom Wertewesten. Es stemmt sich gegen den hegemonialen Imperialismus aus Washington. Man verbinde linke Positionen mit konservativen Ansichten, lässt wiederum der Brandenburger Landtagsmandatar Christian Dorst verlautbaren. Und wahrscheinlich ist es genau dieser Brückenschlag, der fortan neugieriger denn je macht. Denn wie satt haben es zahlreiche Beobachter, sich in Schubladen stecken zu lassen. Das Beste aus den verschiedenen Weltanschauungen, um passgenaue Lösungen und Antworten für die Probleme der Gegenwart zu finden. Dieser Ansporn ist spürbar bei denen, die noch weitgehend unverbraucht wirken. Keinen Zweifel lassen an ihrer Bereitschaft, erneut Verantwortung zu übernehmen. Kompromisse mit dem Bündnis dürften kaum leichter werden, aber unser System ermahnt uns gerade dazu, auch kräftig zu streiten, wenn es um Konsens und Vereinbarung geht. Wie wohltuend ist die Aussicht, dass sich eine Partei wohl nicht das zweite Mal über den Tisch ziehen lassen wird.







