Umstrittene Forderung von Sachsen-Anhalts AfD nach Einführung der Bildungspflicht: Endet schon bald der Zwang zum staatlichen Schulbesuch?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Ministerpräsident Schulze warnt vor Schulsterben in Sachsen-Anhalt ‚wie wir es noch nie erlebt haben'“ (aus: „Volksstimme“ vom 08.05.2026)

Der Aufschrei war groß. Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will die Schulpflicht abschaffen! Doch, Moment. Das ist nur die halbe Wahrheit. Viel eher hat er angekündigt, sie durch eine Bildungspflicht ersetzen zu wollen. Demnach sollen Eltern also künftig entscheiden können, auf welchem Weg und über welche Institutionen Söhne wie Töchter zum Ziel kommen. Die strenge Bindung an die formellen Lehranstalten würde fallen, dagegen auch private Träger gleichwertig, ebenbürtig und niederschwellig ins System eingebunden. Daraus sollen keine Nachteile entstehen, sondern Erziehungssouveränität in den Mittelpunkt rücken. Und selbst andere Formen der Wissensvermittlung, wie das häusliche Lernen, könnten gestärkt werden, sofern sichergestellt bleibt, dass diese Alternativen am Ende ebenfalls die richtlinienbezogenen Standards erreichen.

Einig ist man sich in der gesamten Debatte wohl darüber, dass Deutschland viel an der Unterrichtslandschaft verändern muss, um die lange gewachsene Tradition des obligaten Regelbesuchs staatlicher Klassenzimmer rechtfertigen zu können. Denn seit 2022 verharren wir auf neuen Tiefständen, was die Ergebnisse unserer Sprösslinge in den PISA-Studien angeht. Laut OECD haben 15-Jährige 475 Punkte in Mathematik erreicht, 25 weniger als noch 2018. In den Naturwissenschaften waren es 492, ein Minus von 11. Die Resultate sind die schlechtesten seit 2000, wir rangieren damit im unteren Mittelfeld hinter Estland, Polen und Kanada. Die Misere offenbart sich beispielsweise daran, dass bis zu 30 Prozent des Nachwuchses in Rechnen und Schreiben kaum die Mindestkompetenzstufe II der funktionalen Grundbefähigung erreicht. Der Anteil der Leistungsstarken auf Ebene V und VI sinkt ebenfalls. So kann es nicht weitergehen.

Der Frontalunterricht war nicht das Schlechteste, wenn er denn modern ergänzt wird…

Experten sind sich weitgehend einig, dass eine Rückkehr zu solidem Fachwissen und einer Sequenzierung durch die stärkere Betonung von elementarem Know-How in Arithmetik, Geometrie und Algebra, bei Grammatik und Phonik in Deutsch sowie mit Blick auf Fakten in Physik und Experimenten in Chemie ein erster Trend sein könnten, um sich aus der Abwärtsspirale zu lösen. Die Kernfächer, zu denen – neben den genannten – beispielsweise auch Geschichte und Fremdsprachen gehören sollten, brauchen wieder mehr Platz und Gewicht. Entsprechende Umbrüche in England haben gezeigt, dass ein stabiles Kenntnisfundament die Voraussetzung für die Aneignung höherer Methodik und Qualifikation ist. Ohne Basis kein Aufbau, so der Tenor in der laufenden Diskussion.

Viel zu sehr setzen wir noch auf randständige Themen, trennen in den jeweiligen Altersgruppen zu früh, beharren zu wenig auf gezielte Förderung, dafür aber auf eine zeitige Auslese und undifferenzierte Inklusion. Es mangelt an notwendigen Automatismen, auf denen die Kinder weiterstapeln können. Momentan wird die Aufmerksamkeit Strategie statt Dekodierung gewidmet, was nicht zuletzt den hohen Wert funktioneller Analphabeten begründet. Da braucht es ein schrittweises Nähern an Grammatik, Rechtschreibung und Vokabeln, mehr Raum für ein lautgetreues Lesen, gezielte Sinnerfassung und freies Schreiben. Anwendungsaufgaben und „Soft Skills ohne Routine und Praxis können nicht gelingen, die Rückbesinnung auf schlichtes Pauken, bevor in den Gebrauch erworbener Fertigkeiten übergegangen wird, darf kein Tabu sein. Denn Althergebrachtes bewährt sich.

Die Kinder müssen zunächst ein Grundwissen erlangen, ehe sie abstrahieren können…

Nahezu gleichlautend verhält es sich auch, wenn in Biologie die erforderlichen Zusammenhänge zwischen Pflanzen und Tieren, Körper und Gesundheit fehlen. Man kann in Erdkunde nicht über Wetter und Geologie sprechen, wenn die Entstehung von Wasserdampf oder das Anwachsen von Steinschichten unklar bleibt. Lange ließ man das frontale Dozieren aus 68er-Gründen schleifen, setzte zu sehr auf Laissez-Faire statt konsequentes Üben, Rückmelden und Logik spiegeln. Komplexe gesellschaftliche Erwartungen an die Kleinsten werden umgesetzt, bevor man ihnen die passende Expertise an die Hand gibt. Differenzierte Urteilsfähigkeit und emotionale Reife zu verlangen, ehe Sachverstand vermittelt wurde, stellt die Lernpyramide von den Füßen auf den Kopf.

Mittlerweile werden Projekt- und Themenwochen aneinandergereiht, das handfeste Büffeln kommt dabei zu kurz. Tablets und iPads sind derart voreilig im Einsatz, dass die digitale Vertrautheit größer ausfällt als die Einsatzfähigkeit im Abstrahieren, Buchstabieren und Dividieren. Polen macht vor, wie das Rampenlicht auf konservative Erfahrungen zu einer Verbesserung um 30 Punkte bei PISA seit 2000 gelingen kann. In Singapur führten strenge Curricula zum Weltrekord von 557 Punkten. Auch öffentliche Einrichtungen können zur Wende beitragen, wenn sie Bildung gewährleisten, statt sie zu erzwingen. Ein prinzipielles Festhalten an der Schulpflicht ist also möglich, mit notwendigen Reformen. Sie müssen lediglich den föderalen Flickenteppich passieren. Und das scheint die größte Bürde.