Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Worte einer Partei, die vor Kraft kaum laufen kann‘ – BSW legt bei Warnung vor ‚Staatsstreich‘ nach“ (aus: „WELT“ vom 20.05.2026)
Häufig spitzen sich Wahlkämpfe gegen Ende zu, laufen auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinaus. In Sachsen-Anhalt begann diese Polarisierung schon deutlich früher. Wobei man fairerweise attestieren muss, dass sich insbesondere die AfD bereits am Ziel wähnt. Und tatsächlich wirkt die Auseinandersetzung über eine nächste Regierung wie die klassische Ein-Mann-Darbietung. Ulrich Siegmund gibt sich fast schon uneinholbar, fährt von einer Umfrage zur nächsten mehr Prozente ein, scheint nicht mehr weit entfernt von einer absoluten Mandatsmehrheit im Plenum von Magdeburg. Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, gegessen wird erst um 18 Uhr des 6. Septembers 2026. Ganz entscheidend dürften vor allem die sogenannten Kleinparteien sein, zu denen man zwischen Elbe und Herz mittlerweile SPD und Grüne gleichermaßen zählen muss. Auch das BSW rangiert unter jenen, die noch eine Rolle spielen könnten. Mit Umfragewerten von vier bis fünf Prozent ist nicht ausgeschlossen, dass es den Einzug ins Parlament schafft, damit eine mögliche Koalitionsbildung erschweren könnte. Dann wird von Bedeutung sein, wie sehr man sich von der alttradierten Brandmauer distanziert.
Die beiden Spitzenkandidaten wollen das BSW geschlossen über die fünf Prozent bringen…
Die beiden Spitzenkandidaten Thomas Schulze und Dr. Claudia Wittig sehen sie als gescheitert an, rufen stattdessen zu einer pragmatischen Sacharbeit auf. Erstgenannter bildet wiederum mit John Lucas Dittrich das Führungsduo des Landesverbandes, gilt als haltgebendes Bindemitglied mit Verwaltungserfahrung, tritt bodenständig und diplomatisch auf, will manch einen Graben in den eigenen Reihen zuschütten, appelliert an Einheit und Zusammenhalt, schlägt versöhnliche Töne an. Zweitgenannte ist Historikerin, engagiert sich auch auf Bundesebene, bringt eine akademische Handschrift ein, erweist sich als medial präsent, wirkt intellektuell, aber keinesfalls abgehoben. Thematisch fokussieren sich beide auf die Kernkompetenzen des Bündnisses von Sahra Wagenknecht. Ein Ende der Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, Pazifismus und Abrüstung, Gespräche statt Eskalation. Man möchte international neutraler und unabhängiger werden, lehnt die Wehrpflicht ab. Energie soll bezahlbar sein, im Zweifel Spritpreise auch durch staatliche Eingriffe senken, den Abbau von schädlichen Sanktionen befürworten. Der Mindestlohn müsse 15 Euro betragen, Bürokratie reduziert werden.
Wittich und Schulze thematisieren Mindestlohn, Aufrüstung und Redefreiheit…
Schutz und Stärkung des Wirtschaftsstandortes können nur mit Maßnahmen gegen die Deindustrialisierung gelingen. Deshalb lehnt man eine ideologische Klimapolitik ab, will in den ländlichen Raum investieren und die Infrastruktur bis hinein in die Provinz wiederherstellen. Den Geburtenrückgang möchte man mit Familienförderung angehen, Kinderarmut dürfe nicht länger verschwiegen werden. Die Violett-Orangenen werben für eine Rentenreform, die mehr Menschen in die Finanzierung einbezieht, setzen sich darüber hinaus auch weiterhin für den Aufbau Ost ein, weil sie noch immer eine Benachteiligung durch die Wende sehen. In der Bildung soll die Priorität beim Lesen, Schreiben und Rechnen liegen, Lehrer hierfür dezidiert geschult werden. Bei der Migration verweist man auf strikte Kontrolle, gesteuerte Zuwanderung und konsequente Eingliederung. Die sozialen Sicherungssysteme müssten genauso vor Überforderung geschützt werden wie die Kommunen. Man möchte zurück zu einer weitreichenden Meinungsfreiheit, die Demokratie durch mehr Mitbestimmung attraktiver machen. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisiert man, vor Einseitigkeit warnt man.
Die Brandmauer wird nicht von einer sachorientierten Prüfung der AfD-Politik abhalten…
Im Vergleich zu den Linken lehnt man eine dogmatische Planökonomie ab, will auch nicht länger die Souveränität des einfachen Bürgers gängeln. Prinzipiell scheint eine punktuelle Kooperation mit der Alternative für Deutschland nicht gänzlich undenkbar, sieht man sich doch vereint im Anti-Establishment, findet sich in konservativen Positionen gemeinsam wieder, hat Schnittmengen bei den Vorstellungen über die gesellschaftliche Zukunft. Unterschiede ergeben sich in der Forderung der „Blauen“ nach Steuersenkungen, auch für Wohlhabende. Diese wären mit Wittig und Schulze wohl kaum zu verwirklichen. Während Teile der AfD den Nachwuchs wieder an die Waffen rufen wollen, lehnen die Mitstreiter ein solches Manöver strikt ab. Die Einen sind in der dezidierten Betonung von Tradition, Rollen und Patriotismus führend, die Anderen legen insgesamt mehr Wert auf Vernunft und Moderation. Es ist also letztlich auch ein Aspekt des Stils, der entscheidet. Doch all das sind keine unüberwindbaren Hürden, sondern könnten bei einem gewissen Willen zu gemeinsamen Einzelanträgen in der Sache hintanstehen. Zumal man sich beim BSW einig ist, kein All-Parteien-Bündnis gegen die Herausforderer zu unterstützen.










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