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Wenn es ums Eingemachte geht, mutiert Le Pen zur Meloni!

Als der Hahn in der Bibel drei Mal krähte, wurde Jesus bewusst, dass er in weiser Voraussicht verraten wurde. Es war jemand aus den eigenen Reihen, der ihn ans Messer geliefert hat. Und so wurde dieser Teil der Ostergeschichte zu einem der ersten Zeugnisse über die Fähigkeit zur Falschheit des Menschen. Und weil es heutzutage ohnehin schwer geworden ist, in ein Gegenüber noch Vertrauen zu haben – weil man sich im Zweifel nicht mehr sicher sein kann, ob es unter den passenden Umständen bereit dazu wäre, mich bei einer der vielen Meldestellen in unserer Republik anzuschwärzen, sind Partnerschaften, Beziehungen und Freundeskreise bedauerlicherweise immer mehr mit Vorsicht zu genießen. Dass die Verlässlichkeit abnimmt, das zeigt sich nun auch am Bruch des französischen Rassemblement National, welches nach einem schwierigen Abnabelungsprozess nunmehr den Schlussstrich unter die gemeinsame Zusammenarbeit mit der AfD gezogen hat. Dass es zwischen beiden Kräften seit jeher geknirscht hat, das konnte man als Beobachter schon lange mitverfolgen – und vor allem die zunehmende Stutenbissigkeit erleben, mit der man aus Frankreich neidvoll auf die Karriere und die Zustimmung für die deutsche Parteivorsitzende Alice Weidel geblickt hat. Le Pen ist mit ihr nie wirklich warm geworden. Stattdessen übte sie sich stets in einem Konkurrenzkampf, der einen ersten Höhepunkt gefunden hatte, als sich das RN arglos und gutgläubig der Berichterstattung über das vermeintliche Geheimtreffen am Lehnitzsee hingab – und tatsächlich davon ausging, dass die Alternative für Deutschland zu Deportationen von Millionen Bundesbürgern mit Migrationshintergrund bereit wäre, wie es die Leitmedien nach „Enthüllungen“ eines investigativen Recherchezentrums suggeriert hatten.

Wer jede Märchenerzählung über das Pendant für bare Münze nimmt und sich kein eigenes Bild zu machen bereit ist, erweist sich tatsächlich als ein verzichtbarer Tandemfahrer, der der medialen Hetzkampagne mehr Glauben schenkt als dem persönlichen Gespräch. Und so war es möglicherweise ein reinigendes Gewitter, wenn sich die Wege nun trennen – und man in Paris weiterhin einen erkennbaren Egotrip fährt, weil man sich mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen große Chancen erhofft. Wer also die Gier nach Macht über den Schulterschluss eines rechten Miteinanders stellt, um sich für eine Umkehr in Richtung nationaler Souveränität und den Erhalt der kulturellen Identität der beiden Völker einzusetzen, der handelt ähnlich wie die italienische Regierungschefin Meloni zuletzt. Sie verschob ihre eigene Kompassnadel immer weiter nach links – und bemühte sich um Anschlussfähigkeit an den Zeitgeist. Dass die Prioritäten bei den Blauen hierzulande anders gesetzt sind, das macht die Geduld deutlich, welche man von dieser Seite aus in Richtung Seine geübt hat – weil es Chrupalla, Höcke oder Helferich an erster Stelle um den Erhalt der Heimat und eine Reform der EU geht, nicht aber vorrangig um die Karriere. Das unterscheidet sie eklatant von einer Anführerin des RN, welche sich stets ambivalent gab – und nach außen hin nicht selten den Eindruck erweckte, dass sie sich weiterhin in einer Orientierungsphase befindet, in der sich die Intensität des patriotischen Bewusstseins nahezu täglich ändert. Ihre Wankelmütigkeit ist beispiellos – und der Ausverkauf ihres Profils und der Programmatik sind bezeichnend für jene, die im Zweifel doch das Kuscheln mit dem Establishment einer von Rückgrat getragenen Politik der Eindeutigkeit, Standhaftigkeit und Konsequenz vorziehen.

Dass es nun die Einlassungen des Spitzenkandidaten der AfD für die Wahlen zum Europäischen Parlament gewesen sind, welche das Fass zum Überlaufen gebracht haben sollen, mag man dann allzu sehr nachvollziehen können, wenn man sich Meldung eines Sprechers von Le Pen anhört, der in seiner verschwurbelten Begründung für den Trennungsschritt eine hanebüchene Auslegung dessen liefert, was Krah tatsächlich in einem Interview anmerkte. So hat man in der Bundesrepublik immer wieder die linke Mahnung im Ohr, man könne die DDR nicht generell als einen Unrechtsstaat bezeichnen, weil ja nicht alles schlecht war in der Diktatur, wenn man die empörten Stimmen vernimmt, die angesichts der zweifelsohne nicht besonders glücklichen Formulierungen aus dem Boden sprießen. Denn es gibt keinen Zweifel daran, dass die SS als ein bestialisches Herrschafts- und Unterdrückungskommando maßgeblich für die Massenmorde der Nationalsozialisten verantwortlich war – und andersdenkende Menschen durch Repression, Gängelung und Terror bis aufs Äußerste schikanierte, drangsalierte und nicht zuletzt tötete. Und da lässt es sich nicht so einfach relativieren, dass es natürlich auch jene gab, die in dieser Organisation Mitläufer gewesen sind – und vielleicht nicht selbst an den grausamen Verbrechen beteiligt waren. Denn hier muss der Grundsatz gelten: Mitgehangen, mitgefangen! Zumindest trifft sie sodann eine moralische Schuld, welche sich auch nicht wegdiskutieren lässt. Aber sicherlich ist der Einwand ebenfalls durchaus bedenkenswert, dass es gerade in der fortgeschrittenen Phase des Hitler-Regimes auch zur zwanghaften Verpflichtung des Eintretens in die Schutzstaffel kam. Sicherlich wird es auch Anhänger gegeben haben, die man nicht als Überzeugungstäter ansehen kann. Ihrer Schuldigkeit tut dies allerdings keinen Abbruch.

Und gerade diesen Aspekt hätte der Frontmann der AfD-Anwärter für Brüssel unmissverständlich herausarbeiten müssen. Es fällt schwer, sich erklären zu können, warum er sich zu einer solchen Aussage hinreißen ließ. Sie war einigermaßen unnötig – denn es war absehbar, dass es angesichts dieser Äußerung wiederum zu einer öffentlichen Debatte zur Unzeit kommt. An sich hat er nichts Unrichtiges dargestellt. Denn tatsächlich waren viele einfache Landwirte unter den Schergen von damals, bei denen man zumindest skeptisch hinterfragen muss, ob sie tatsächlich die Dimension des Schreckens begreifen konnten, an dem sie mehr oder weniger aktiv teilhatten. So ist der Zwischenruf, dass sich auch diesbezüglich eine Pauschalisierung verbietet, prinzipiell durchaus korrekt. Aber natürlich kann man in Böswilligkeit die Interpretation in den Raum stellen, dass Krah sich wenigstens fahrlässig einer Beschönigung des Despotismus verschrieben hat. Deshalb wurde hier ein Aufhänger geschaffen, der vermeidbar gewesen wäre. Trotzdem muss man auch seine Worte in den Kontext stellen, sich gegebenenfalls die Mühe machen, die erwähnten Zitate in einen Zusammenhang zu stellen – und sie auf ihre Substanz abzuklopfen. Dass sich Le Pen für diesen Aufwand zu schade war, zeugt ein Stück weit von ihrer Anfälligkeit, sich von bloßen Schlagzeilen leiten zu lassen. Offenkundig war die Kommunikationsebene zwischen RN und der Alternative für Deutschland so sehr zerrüttet, dass man händeringend nach einem Argument suchte, um sich lossagen zu können. Und so dürfte man auf beiden Seiten nicht unbedingt traurig darüber sein, dass die Kooperation nun ein Ende gefunden hat. Schließlich war das Verhältnis auf Sand gebaut – und als Fundament für die gemeinschaftliche Eroberung der politischen Hoheit in Brüssel ungeeignet.

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