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Soziologen auf der Suche nach dem Fleißigkeits-Gen viraler Influencer

Kommentar von Dennis Riehle

Wenn heutzutage ein Wissenschaftler die Erkenntnisse seiner Forschung präsentiert und dabei zu einem Ergebnis kommt, das der Empfindung und Erfahrung des Laien diametral entgegenzustehen scheint, handelt es sich zumeist um Neuigkeiten hinsichtlich der Erderhitzung – oder um Bestätigungen dafür, dass die AfD in der Wählergunst „dramatisch“ abrutscht. Aber es gibt auch zu anderen Themen fleißige Empiristen, welche sich völlig untendenziös und unvoreingenommen der ergebnisoffenen Frage widmen, warum die sogenannte „Generation Z“ eben nicht so bequemlich und faul ist, wie sie in diesen Tagen oftmals von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Und so überrascht es dann auch nicht, dass aktuell ein Soziologe nach seinen peniblen Untersuchungen zu dem völlig unerwartbaren Schluss kommt, wonach sich die Mentalität der jungen Erwachsenen von heute nicht von der unterscheidet, die man beispielsweise in den 1980er-Jahren als Postpubertärer in sich hegte. Doch es kommt einem Anschlag auf den gesunden Menschenverstand gleich, ein derart plumpes und kurzsichtiges Postulat aufzustellen, gegen das sicherlich nicht nur mancher Arbeitgeber Sturm laufen würde. Denn es sind gerade die Boomer, welche sich mit diesem Befund keinesfalls zufriedenstellen werden, sondern sich empört zeigen, wie ihre Tatkraft mit einer solchen Aussage in den Dreck gezogen wird. Sie nehmen nämlich eine ganz andere Einstellung bei den Heranwachsenden dieser Tage wahr – und werden dabei sogar von den Nachzüglern selbst unterstützt. Aber natürlich kann man als linksverblendeter Gutmenschprofessor seine Ergebnisse mit der Feststellung rechtfertigen, dass die in den neuen Medien kursierenden Videos von Frau*innen nicht repräsentativ seien, in denen sie sich nach einem Experiment Rotz und Wasser heulend an die Öffentlichkeit wenden – und fragen: Wie habt ihr das damals nur geschafft?

In ihrem Versuch, sich einem Vier-Stunden-Tag zu stellen, mussten sie nach 38 Minuten aus körperlicher Erschöpfung und geistiger Entkräftung aufgeben. Mithilfe einer theatralischen Dramaturgie rühren sie die Gemeinschaft zu Tränen – und bitten sie, ihnen doch noch eine Chance als Bürgergeldler zu geben. Und weil ich als Journalist selbst zu einer Spezies gehöre, die oftmals über einen Kamm geschoren wird, stelle ich natürlich an dieser Stelle klar: Selbstredend gilt dieser Befund nicht für alle aus dieser Alterskohorte. Stattdessen haben jüngst erst Umfragen deutlich gemacht, dass es in ihren Reihen überaus vernünftige, perspektivisch agierende und verantwortungsvolle Vertreter gibt, die sich allerdings weniger als progressiv, sondern vorrangig als konservativ beschreiben – und eine parteipolitische Präferenz in Richtung Blau favorisieren. Immerhin ist ihnen bewusst, mit welchem Selbstbewusstsein, welcher Motivation und welchem Engagement ihre Großeltern und Eltern in den Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Land wiederaufgebaut beziehungsweise ihm zu Wohlstand, Wachstum und Prosperität verholfen haben. Sie drücken sich nicht davor, für ihre Heimat Leistung zu zeigen. Und sie verstehen einen Berufsabschluss nicht als überbewertet, sondern als Normalität eines jeden Bürgers, der mit einem Rest von Pathos und Ethos im Herzen ausgestattet ist. Ihr Ziel des Daseins ist es nicht, den Moneten beim Wachsen auf den Bäumen zuzusehen – sondern aus Überzeugung mit anzupacken. Denn sie verstehen Beschäftigung nicht nur als eine monetäre Einnahmequelle, sondern als eine tagesstrukturierende, sinnstiftende und bestätigende Aktivität, die darüber hinaus zu emotionaler Kompetenz, Kollegialität und Freundschaften beiträgt. Wer den Höhepunkt seiner Existenz in der Entscheidung über die Frage sieht, ob es sich nun in einer Hängematte oder einem Schaukelstuhl besser chillen lässt, dem fehlt es offenbar nicht nur an Orientierung, sondern vor allem auch an jeglicher Responsibilität in einem kollektiven Miteinander. Die sozialistische Tugend, wonach im Zweifel der Nachbar den Laden am Laufen halten wird, entspringt nicht zuletzt einer Laissez-Faire-Erziehung, die die Kleinsten bis zur Unkenntlichkeit pampert – und sie in ihrem Standpunkt bestärkt, sich im Zweifel nur das zuzumuten, was ihre physische und kognitive Kapazität nicht überfordert. „Was du nicht machen möchtest, musst du auch nicht tun!“ – Mit einer Philosophie der empfindsamen Selbstbestimmung ziehen sich diejenigen aus der Affäre, die in Dreistigkeit und Arglist darauf vertrauen, dass man allein dem Anderen das morgendliche Aufstehen schon allein deshalb abverlangen könne, weil das füreinander Eintreten ein Ausdruck von Nächstenliebe sei. Doch im Weltbild dieser Klientel gibt es für die eigene Person nur Rechte, Pflichten bleiben dagegen prinzipiell dem Gegenüber vorbehalten. Mit dem Verweis auf die neumodische Work-Life-Balance und der antisozialen Haltung, dass man sich seine kostbare Lebenszeit nicht von Anstrengung und Mühsal stehlen lassen will, offenbaren diese Nachkömmlinge eine dekadente Persönlichkeitsstruktur voller Insuffizienzgefühle und Minderwertigkeitskomplexe. Sie zeigen sich damit ähnlich fleißig wie all die Gäste in unserem Land, die selbstredend für 12 Euro pro Stunde keinen Finger krumm machen werden – weil sie schließlich aus der Ukraine kommen. Sollte sich beim Nachwuchs nicht die mehrheitliche Überzeugung durchsetzen, dass neben der kulturellen Identität auch der deutsche Ruf als Vorreiter in Sachen Strebsamkeit und Emsigkeit auf dem Spiel steht, steuern wir auf eine Zukunft hin, in der sich Müßiggang, Phlegma und Apathie einer pluralistischen Masse die Klinke in die Hand geben.

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