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Die Vereinnahmung Homosexueller durch die LGBTIQ-Bewegung sollte nicht unwidersprochen bleiben!

Kommentar von Dennis Riehle

Als ich mich vor etwa zwei Dekaden als schwul geoutet habe – wobei das weniger etwas mit einem Herauskommen aus sich selbst zu tun hatte, sondern mit einer bloßen Feststellung gegenüber meinem Umfeld, dass ich mich schlichtweg eher Männern zugeneigt erkannt habe -, war das zumindest in meinem Fall keine größere Sache und auch relativ schnell abgehandelt. Denn damals ist man mit der Thematik offenbar noch deutlich unverkrampfter umgegangen als in der heutigen Zeit, die aus einem solchen Prozess des Bekenntnisses eine wissenschaftliche Arbeit macht. Ich kann mich erinnern, wie ich aus Neugier einen CSD besucht habe, um aus Neugier und einem persönlichen Bedürfnis der Positionierung ein wenig Einblick zu bekommen in diese Community, von der ich schon allein deshalb nie etwas gehalten habe, weil ich mich aufgrund meiner sexuellen Orientierung nicht als etwas Besonderes, Anderes oder Besseres gehalten haben. Stattdessen verstand ich mich stets als einen völlig selbstverständlichen und normalen Bestandteil der Gesellschaft, der keine parallele Szene benötigt, um sich zu profilieren, hervorzutun oder im Rampenlicht unter seinesgleichen die ständige Versicherung nach Exklusivität zu erhaschen. Und so war ich bereits zu Anfang der 2000er-Jahre einigermaßen erschüttert darüber, dass sich auf solchen Veranstaltungen mehr Lack, Leder und Rüschen als irgendein Plakat oder eine Forderung fand, die die Bewegung lange Zeit völlig zu Recht propagiert hatte.

Denn schon damals waren erste Tendenzen einer Politisierung zu erkennen, bei der es nicht mehr um Gleichberechtigung ging, sondern um den Anspruch einer herausgehobenen Stellung für all diejenigen, welche sich mit Vehemenz von Sittlichkeit, Normativität und Konformität abgrenzten – und ein Credo als ausgemacht hinstellten, welches die zwanghafte Dissoziation von einer Etikette des Betragens, der Disziplin und des Pflichtbewusstseins in einem Kollektiv anmahnte.  In der Folge wurde das hehre Engagement nach und nach von einer profilneurotischen Kavallerie der bunten Ideologen gekapert – und es blieb nichts mehr von dem eigentlichen Ansinnen nach Integration derjenigen, die sich schlichtweg zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten, aber aus ihrer Privatsphäre keinen Bohei machen wollten. Heute versteht sich der LQBTIQ-Aktionismus als die Speerspitze von Vielfalt, Toleranz und Selbstbestimmung in einem ad absurdum geführten Ausmaß, das vom ursprünglichen Charakter eines Protestlaufs kaum noch etwas übrig lässt. Stattdessen geht es mittlerweile nur noch um Konfrontation, Provokation und Demonstration einer bewusst gegen jegliche Prinzipien einer schicklichen, tugendhaften und anständigen Kultur gerichteten Mentalität der Eigenverwirklichung, die sich nicht damit begnügt, von der Gesamtheit wahrgenommen und respektiert zu werden.

Viel eher ist sie mit ihrer Obszönität, Skurrilität und Absurdität gegen jeden Ethos und eine Moral der intimen Zurückhaltung gerichtet – und will mit ihrer plakativen Zurschaustellung von Anstößigkeit und Anrüchigkeit die Anerkennung ihres Lebensstils erzwingen, der sich diametral gegen jeglichen Wert von Integrität, Redlichkeit und Kongruenz richtet. Das Aushebeln des Konzepts der Binarität als evolutionärer Maßstab für Verbindlichkeit, Maßstab und Unbedingtheit findet seinen Höhepunkt in einer Etablierung vollkommener Beliebigkeit und Flexibilität. Das Thema ist nicht mehr die völlig natürliche Tatsache, dass die Schöpfung Schattierungen in der Identität oder Veranlagung eines Menschen zulässt – welche sich im Rahmengerüst zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit abspielen. Selbstredend gibt es Fallkonstellationen, in denen sich objektivieren lässt, dass die angeborenen Wesensmerkmale und körperlichen Attribute im Widerspruch zur angelegten Persönlichkeitsstruktur, der inneren und äußeren Wahrnehmung und der offensichtlich erkennbaren Totalität eines Charakters stehend zu Leid und Not führen.  Hierbei handelt es sich aber um eine überschaubare Zahl tatsächlich nachvollziehbarer Transsexualität. Diese sind der Queerness aber ebenso egal wie bi- oder homoerotische Mitbürger, deren Interessen sie nur beiläufig vertritt, um sich weiterhin das Feigenblatt der Zivilität und des Dehors anheften zu können. In Wahrheit fungiert sie gegenwärtig vor allem aus dem Ansporn zur Durchsetzung einer Philosophie, in der nicht mehr die Biologie in ihrer Unverrückbarkeit Tatsachen schafft, sondern das Individuum in seiner Befindlichkeit dazu berechtigt, angespornt und ermutigt wird, sich auf eine endlose Suche nach Deckungsgleichheit, Verankerung und Wurzeln zu machen.

Der Konsens über die Zweigliedrigkeit wurde aufgekündigt – und durch eine Überzeugung ersetzt, dass nicht mehr die Medizin über die Eindeutigkeit der Abstammung bestimmt, sondern die Gefühle des Einzelnen als Ausgangspunkt für die Stellung in der Gemeinschaft als bindend angesehen werden. Damit wird jeder Vertrag über einen verbrieften Anknüpfungspunkt des manierlichen, unverfälschten und würdevollen Miteinanders aufgekündigt – und durch eine egozentrische und ich-besessene Erwartungshaltung ersetzt, die das Subjektive zur Messlatte macht. Dass sich also auf den aktuellen Paraden auch eine Gegenbewegung auftut, die von nationalistischen, identitären, patriotischen und konservativen Kräften wie der Partei „Die Heimat“ angeführt werden, ist eine allzu nachvollziehbare Reaktion auf diesen Affront gegenüber des bewährten Parallelismus, der jedes Gefüge zusammenhält. Schlussendlich sind die entstandenen Ressentiments, Vorurteile und Berührungsängste hinsichtlich einer Weltanschauung der Grenzüberschreitung einer Sozietät schon allein deshalb verständlich und angebracht, weil sich ein Verbund nicht an Singularitäten aufhalten kann. Die Entwöhnung von einem Usus, der die Pubertät mit der Volljährigkeit beendet – und anschließend eine Reife und Ankunft in Ebenbildlichkeit abverlangt, kann nicht zukunftsfähig sein, weil er Stabilität und Kontinuität verunmöglicht.

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